Jetzt gehts in die Vollen

06.11.2014

© Jürgen Drewes

Melanie Fey führt die Gänse in den Stall.

Melanie Fey muss nicht viel tun, um ein paar Hundert Gänse kurz vor Einbruch der Dunkelheit zielsicher von der Weide in den Stall zu bugsieren. „Die sind sieben Monate hier und kennen den Tagesablauf genau“, erklärt die „Mitarbeiterin für alles“, wie sie selbst sagt, auf dem Geflügelhof in Raden, Kreis Rostock.

Mit 40 Enten begonnen

Mitte der 1990er Jahre haben Karola Pieper und Lebenspartner Manfred Flaig dort damit begonnen, Geflügel in größerem Stil in ökologischer Freilandhaltung zu mästen. Der Start erfolgte mit 40 Enten und Gänsen, inzwischen sind es mehrere Tausend. Damit gehört das Familienunternehmen zu den zehn größten seiner Art im Land.

„Genaue Zahlen über die Anzahl der hier gehaltenen Gänse lassen sich nur schwer benennen“, erklärt Silvia Ey. Die Expertin für Tierische Erzeugung und Tiergesundheit beim Bauernverband Mecklenburg-Vorpommern ist auch Geschäftsführerin im Geflügelwirtschaftsverband MV. Sie verweist darauf, dass Halter mit weniger als 4,5 ha Grünland beziehungsweise 250 Gänsen der Statistik gegenüber nicht auskunftspflichtig sind. „Das aber ist das Gros“, verweist Sylvia Ey darauf, dass Gänse hierzulande vor allem im Nebenerwerb gehalten werden. Deshalb sei die letzte Bilanz, die lediglich rund 8 000 registrierte Gänse ausweist, kein Maßstab für eine fundierte Aussage über deren tatsächliche Anzahl. So verkauften Händler im Frühjahr allein an Privathaushalte weit über 20 000 Gössel.

„Fliegender Händler“

Auch Flaig ist als „Fliegender Händler“ gestartet. Daheim
im schleswig-holsteinischen Bargteheide verlud er nach der Wende seine aufgezogenen Jungtiere, um sie auf Märkten hierzulande an den Mann beziehungsweise die Frau zu ­bringen. So lernte er in Kröpelin auch Lebenspartnerin Pieper kennen. Gemeinsam haben der Geflügelzüchter und die gelernte Melkerin einen Bauernhof in Raden erworben und ihn zu einem der größten Geflügelmastbetriebe im Land ausgebaut.

In den Senken auf den 13 ha großen Wiesen und Weiden rundherum hat sich Wasser angesammelt. So bietet sich den Tieren neben dem permanenten Grasen auch Gelegenheit für ein Bad. „Die Bedingungen sind nahezu ideal. Nachts geht es dann in den eingestreuten Stall und frühmorgens wieder raus“, beschreibt die gelernte Kindergärtnerin Fey den Tagesablauf. Und verweist dabei auf viele Gemeinsamkeiten zwischen den ihr ehemals Anvertrauten und ihren heutigen Zöglingen. „Wenn Kinder, aber auch Gänse und Enten sich wohlfühlen wollen, brauchen sie eine intakte Umwelt und viel Zuwendung. Dass es so ist, darauf habe ich stets viel Wert gelegt. Früher im Kindergarten und heute auf dem Geflügelhof“, sagt die resolute Mittvierzigerin.

In den nächsten Tagen und Wochen wird sich der Tierbestand auf dem Radener Geflügelhof kontinuierlich verringern. Das Gänsegeschäft ist ein saisonales. „Am 11. November ist Martinstag. Da wollen bereits die ersten Kunden eine Gans ­haben. Danach geht es in die Vollen“, wirft Frey einen kon­trollierenden Blick in das
nach EU-Richtlinien ausgebaute Schlachthaus.

Der Martinstag gilt als Gedenktag an den heiligen Martin von Tours und dessen Grablegung am 11. November 397. An diesem Tag beginnt die 40-tägige Fastenzeit bis kurz vor Weihnachten. Um die zu überstehen, wurde mit dem Martinsgansessen noch einmal richtig geschlemmt. Gleichzeitig gilt der 11. November als Tag des Zehnten. Zu dieser Zeit wurde von den Bauern der Pachtzins kassiert. Das geschah vorwiegend in Naturalien. Und weil im November das Futter auf den Weiden spürbar zurückging, wurde halt auch mit Gänsen bezahlt.

Die haben immer noch ihren Preis. Von denen, die nahezu die gesamte Saison im Freien  herangewachsen sind, ist er deutlich höher als von jenen, die ausschließlich im Stall in wesentlich kürzerer Zeit auf das ideale Schlachtgewicht von 5 bis 6 kg kommen. „Wer auf Fleischqualität wert legt, bezahlt dieses Mehr gern. Die Zahl unserer Kunden, die frei ab Hof einkaufen, ist kontinuierlich gestiegen“, verweist Fey auf ein zunehmendes Interesse an Freilandgeflügel aus der Region. Doch grundsätzlich hält sich die Käuferschar eher in Grenzen.

„Nicht jeder kann sich so eine Gans leisten“, weiß Verbandsgeschäftsführerin Ey und verweist auf zunehmende Billigimporte an Tiefkühlware vor allem aus Polen und Ungarn. Ein Grund mehr für die vergleichsweise geringe Zahl größerer Mastbetriebe mit Freilandhaltung hierzulande. In Schleswig-Holstein hingegen ist der Geflügelbestand fünfmal so hoch. Nahezu alle Bemühungen, sich dem zu nähern, sind in den vergangenen Jahren gescheitert.

In Raden macht sich unterdessen niemand Sorgen um den Absatz. „Heiligabend wird hier keine Gans und keine Ente mehr zu haben sein“, ist sich Fey sicher. Dann werden lediglich noch einige wenige Zuchttiere über den Hof laufen, um irgendwann zu Jahresbeginn Eier zu legen. Die werden eingesammelt und in einem Spezialbetrieb ausgebrütet. Und dann geht alles von vorn los.

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