Hoffen und Bangen bei den Knollenproduzenten

27.07.2018

© Jürgen Drewes

Versuchsanbau neuer Kartoffelsorten. Die Gesundlagen im Land bieten sehr gute Anbauvoraussetzungen.

Herwig Elgeti gibt sich nachdenklich. Der promovierte Kartoffelexperte hat sich landauf landab Kartoffelfelder im Auftrag des Landesamtes für Landwirtschaft, Lebensmittelsicherheit und Fischerei (LALLF) angesehen. Dabei ging es darum, ob die heranwachsenden Bestände gesund und sortenrein sind. Das ist wichtig für die spätere Anerkennung als Pflanzkartoffeln. Mit 3.000 ha gehört Mecklenburg-Vorpommern aufgrund seiner Gesundlagen zu den wichtigsten Vermehrern bundesweit.

 

Erst Nässe, dann Dürre

„Viele Verbraucher sind sortenaffin. Einen Mischmasch will keiner haben“, heißt es beim Lebensmitteleinzelhandel. Herwig Elgeti hat diesbezüglich kaum Probleme festgestellt. Was den Kartoffelexperten nachdenklich stimmt, sind die Auswirkungen der wochenlangen Trockenheit. In einigen Regionen ist seit Ende April über Wochen kein Tropfen Regen gefallen. Zuvor waren die Kartoffeln aufgrund nasser Felder vielerorts nur verspätet in den Boden gekommen. Auch die anhaltende Kälte war anfangs ein Problem. Das hat dem Aufwuchs sichtbar geschadet. Gleichwohl weiß der Mittsechziger aus jahrzehntelanger Erfahrung, dass es noch schlimmer kommen kann. „Viele Kartoffeln sind erst Mitte Mai aufgelaufen. Da war noch Wasser im Boden. Richtig Probleme wird es erst geben, wenn jetzt im Sommer weiterhin kaum Regen fällt“, sagt Elgeti. Und verweist darauf, dass sich gerade entscheidet, wie viele der gebildeten Knollen je Pflanze letztlich zu gewünschter Größe heranreifen. 

 

„Um die 20 sollten es schon sein. Neue Sorten lassen sogar 25 und mehr zu“, sagt Dieter Ewald. Der Geschäftsführer des Saatgutverbandes Mecklenburg-Vorpommern hat sich nach jahrelangem Rückgang der Anbauflächen vehement für einen wieder wachsenden Kartoffelanbau im Land stark gemacht. Und dafür günstige Rahmenbedingungen geschaffen. „Entscheidend für eine erfolgreiche Produktion ist Wasser. Wer seine Felder nicht beregnen kann, hat einen schweren Stand. Das hat sich in diesem Jahr einmal mehr mit aller Deutlichkeit gezeigt“, analysiert der Agrarexperte. 

 

Unterdessen haben zunehmend mehr Landwirte entsprechend vorgesorgt und in Beregnungsanlagen investiert. Das Landwirtschaftsministerium unterstützt entsprechende Vorhaben finanziell. Doch längst nicht jeder Betrieb nutzt dieses Angebot. Die Kosten sind trotz der Beihilfen hoch. Geld, das wir nach zwei schwierigen Erntejahren mit nur geringen Erlösen nicht haben, lassen Betroffene wissen. Bei der LMS Agrarberatung weiß man um dieses Problem. Vor zwei Jahren wurde ein Arbeitskreis Kartoffeln gegründet, mit dem Ziel, Landwirten, die den Anbau wieder in ihre Fruchtfolge aufnehmen wollen, mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Zum Nulltarif, wie es heißt.

 

Neueinsteiger

„Das zeigt Erfolg. 400 Hektar Kartoffeln sind in diesem Jahr hinzugekommen. Insgesamt wachsen sie auf 12.200 Hektar. Auch weil so mancher Neueinsteiger dabei ist“, freut sich Dieter Ewald. Aktuell bauen in Mecklenburg-Vorpommern wieder 400 Betriebe Kartoffeln an. Auf Flächen zwischen fünf und fast 500 ha. Darunter die Bent­ziner Ackerbau GmbH. Hartmut Giermann, der dem Saatgutverband MV als Vorsitzender vorsteht, verweist auf den hohen Stellenwert der Hackfrucht in einer ausgewogenen Fruchtfolge. 

„Zudem ist mit Kartoffeln im Vergleich zu zuletzt gesunkenen Preisen bei Getreide und Raps gutes Geld zu verdienen. Der Absatz, speziell in Stärkefabriken, ist gesichert“, ergänzt Verbandsgeschäftsführer Ewald. In Stavenhagen, Hagenow, Dallmin und Kyritz müssten oft Kartoffeln für die Verarbeitung aus anderen Regionen hinzugekauft werden, heißt es. Außerdem: der Export floriert. Kartoffeln aus MV sind in über 30 Ländern weltweit gefragt, vor allem Pflanzkartoffeln. 

 

60 km Leitungen

Mitte Juni wurden in Westmecklenburg die ersten Frühkartoffeln geerntet. Allerdings blieben die Erträge in der Agp Lübesse, einem der größten Produzenten im Land,  hinter den Erwartungen zurück. Ohnehin ist der Ertrag bei Frühkartoffeln deutlich geringer als bei späteren Sorten. Insofern wollte Agp-Ackerbauchef Stefan Riemer noch keine Prognose für die Ernte zur Hauptsaison im Spätsommer und Herbst wagen. 

Nur wenige Tage konnten die Beregnungsanlagen nach anhaltendem Dauerbetrieb in den vergangenen Wochen abgeschaltet werden. Wiederholt war nach ausbleibendem Regen zusätzliches Wasser nötig. Das kommt bei der Agp aus Brunnen und einem Zuleiter der Störwasserstraße. Die Voraussetzungen dafür wurden im Betrieb vor 40 Jahren mit dem Verlegen von insgesamt 60 km langen Leitungen geschaffen. 

 

Wasserrechte möglich

„Die Wasserrechte aus DDR-Zeiten können auf Antrag wieder aktiviert werden“, appelliert Saatgutverbandschef Ewald an alle Landwirte, diese Möglichkeit auch zu nutzen. „Ich kann das leider nicht. Bei uns gibt es kein ausreichendes Wasser. Ich muss auf die altbewährte Erfahrung setzen – eine Bodenbearbeitung mit der Hacke ersetzt 20 Millimeter Regen“, sagt Herwig Elgeti. Und zeigt Schülern wie es geht. In Roggentin auf dem Gelände eines Einkaufsmarktes vor den Toren Rostocks hat er gemeinsam mit ihnen ein Demons­trationsfeld angelegt. Und siehe da – pünktlich vor den Sommerferien wurde eine durchaus ansprechende Ernte eingefahren. 

 

Kartoffeltag  

Der Mecklenburger Kartoffeltag findet am 1. 8, ab 9.30 Uhr, in 18190 Sanitz, Waldweg 9, Gartencenter „Obstblüte“ statt, teilt der Veranstalter agro nord mit. Schwerpunkte der Veranstaltung sind Pflanzenschutz, Düngung, biologische Mittel und Sorten.

 

Anmeldung: agro nord – Kürzinger GbR, Mail: agro.nord@remove-this.gmx.de, Fax: (03 82 09) 8 11 31

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