Hilfe in der Not

27.07.2016

© Jürgen Drewes

An der vom Brand heimgesuchten Halle entstand Totalschaden.

Wer aufs altehrwürdige Schloss in Groß Lüsewitz unweit von Rostock zufährt, hat dieser Tage Brandgeruch in der Nase. Nur einen Steinwurf entfernt, in einer Halle des Julius-Kühn-Instituts für Kulturpflanzen (JKI) war aus zunächst ungeklärter Ursache am Nachmittag des 7. Juli ein Feuer ausgebrochen. Als Feuerwehr und Polizei kurz darauf eintrafen, stand die Werks- und Kartoffelhalle bereits lichterloh in Flammen. Gerettet werden konnte trotz intensiven Einsatzes der auch aus den umliegenden Gemeinden herbeigeeilten freiwilligen Feuerwehren nichts. Es gelang den Einsatzkräften jedoch, mit Atemschutzgerät in der Halle gelagerte Gasflaschen zu bergen. So konnte die Explosionsgefahr gebannt und das Übergreifen des Feuers auf Wohnhäuser verhindert werden. Der Sachschaden wird auf über zwei Millionen Euro geschätzt.

 

„Schwer getroffen“


„Das Feuer hat uns schwer getroffen. Wir haben keine Technik mehr, um auf den Feldern unsere Arbeit fortzusetzen. Langfristig angelegte Versuchsreihen sind akut in Gefahr“, erklärte Institutsleiter Dr. Peter Wehling unmittelbar nach dem schweren Brand. Die rund 80 Mitarbeiter des Instituts forschen vor allem zur Agrobiodiversität. Im Mittelpunkt stehen Schutz, Erhalt und Nutzung von pflanzengenetischen Ressourcen. Hinzu kommen Untersuchungen zu zwischenzeitlich vernachlässigten oder neuen Kulturarten. So hatten sich erst wenige Tage vor dem Brand zahlreiche Interessenten aus Wissenschaft und Praxis auf einem Feldtag über neueste Erkenntnisse beim Anbau von Eiweißpflanzen, speziell Lupinen, informiert. Dabei ging es auch um die genetische Anpassung von Sorten an aktuelle und künftige Produktions- und Umweltbedingungen sowie um Qualitäts- und Ertragsanforderungen.

 

Woher Spezialtechnik?


„Per Hand die Versuchsfelder zu pflegen, Pflanzenschutz zu betreiben, zu ernten und später die Flächen neu zu bestellen, ist unmöglich. Einfach neue Geräte und Maschinen zu kaufen, geht ebenfalls nicht. Wir brauchen Spezialtechnik. Die wird nicht auf Vorrat produziert, die müssen wir bestellen. Und dann dauert es Wochen und Monate bis zur Auslieferung. Zeit, die wir einfach nicht haben“, beschreibt Institutschef Wehling den Ernst der Lage.


Ein unausgesprochener Hilferuf, der verstanden wurde. „Wir übernehmen ab sofort sämtliche Pflanzenschutzmaßnahmen mit unserer Technik“, ließ Norika-Geschäftsführer Wolfgang Walter wissen. Die Nordring Kartoffelzucht- und Vermehrungs GmbH ist unmittelbarer Nachbar des Instituts. „Wir sehen jeden Tag die heruntergebrannte Halle und  können nachvollziehen, wie schwer die Situation jetzt für die Mitarbeiter ist. Züchtung, Forschung heißt, in Generationen zu denken, da hätte eine Unterbrechung katastrophale Folgen“, ist es für Walter selbstverständlich, dem Nachbarn zu helfen.


Ähnliche Töne kommen von der Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei in Gülzow und der Züchtergemeinschaft German Seed Alliance, kurz GSA. Der Unternehmensverbund mit Hauptsitz in Köln und einer Niederlassung in Groß Lüsewitz war 2008 durch den Zusammenschluss der vier mittelständischen Saatzuchtunternehmen DSV, Nordsaat, NPZ und Saka entstanden und hat hierzulande seinen Sitz im benachbarten Bio-Technikum. GSA-Niederlassungsleiterin Katrin Beckmann ließ ihrer Hilfszusage schnell Taten folgen. Schon wenige Tage nach dem Brand konnten Wissenschaftler des Julius-Kühn-Instituts bei der Norddeutschen Pflanzenzucht Hans-Georg Lembke KG auf der Insel Poel Technik inspizieren und klären, welche Maschinen auf den 56 Hektar großen Versuchsfeldern in Groß Lüsewitz zum Einsatz kommen könnten. Inzwischen ist die unbürokratische Hilfe angelaufen. Und es haben sich weitere Unterstützer gemeldet.

 

Wieder zuversichtlich


Institusleiter Dr. Wehling macht die vielfältige Hilfeleistung glücklich: „Nachdem wir zunächst tief betroffen waren und das Schlimmste für die Fortführung unserer wissenschaftlichen Arbeit befürchten mussten, können wir dank der Unterstützung vieler jetzt wieder optimistisch in die Zukunft blicken.“


 

 

Institusleiter Dr. Wehling

 

 

 

 

 

 

 

Auch in den Ort ist wieder weitestgehend Normalität eingezogen. Tagelang hatte es kaum ein anderes Gesprächsthema als den Brand gegeben. Erst recht, als das für Mitte Juli geplante See- und Parkfest abgesagt wurde. Es war befürchtet worden, dass mit dem Löschwasser auch Schadstoffe in den angrenzenden See geflossen seien. Deshalb gab es ein Badeverbot. Nachdem sich die Befürchtungen aber nicht bestätigt haben, wurde das inzwischen wieder aufgehoben. Nur zum Feiern war kaum jemandem zumute. Das Fest soll nun am 10. und 11. September stattfinden. Und in einigen Monaten wird es sicher auch wieder eine Halle mit Technik geben.

 

 

 

Wohl doch nicht in Mitleidenschaft gezogen: der See bei Groß Lüsewitz.

Fotos: Jürgen Drewes

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