Hähnchenmast – Die Fronten sind verhärtet

01.08.2013

Streitpunkt Zuwegung: An dieser Straße, nahe seiner Biogasanlage, will Landwirt Kühl seine Geflügelhaltung errichten. © Jürgen Drewes

 

Landwirt Jan-Hinrich Kühl kommt nicht zur Ruhe. Sein Vorhaben, am Ortsrand von Fienstorf bei Rostock Hähnchenmastställe für bis zu 180 000 Tiere zu errichten, schlägt in der Öffentlichkeit immer höhere Wellen. Seit 2011 machen Einwohner von Fienstorf und umliegender Dörfer gegen die geplante Investition mobil. Zu Wochenanfang bekamen die Projektgegner, die die Bürgerinitiative „Pro Vita“ gegründet haben, nun sogar Beistand aus der Bundespolitik: Renate Künast, Vorsitzende der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen traf sich mit Mitgliedern der Bürgerinitiative und stärkte ihnen den Rücken.

Viele Vorwürfe bisher nicht belegt

Die Fronten zwischen Landwirt und Gegnern der Geflügelhaltung sind verhärtet. Beim Erörterungstermin zur geplanten Mastanlage Ende Mai lief die Diskussion weitestgehend über die Anwälte beider Parteien. Mit Unterstützung des BUND und etlicher Spenden-Euro, die Anwohner zusammengetragen haben, hoffen die Gegner den Bau von vier Ställen für jeweils 45.000 Hähnchen verhindern zu können. Viel war während der über achtstündigen Erörterung von Gesundheitsgefährdung, Keimbelastung, Stickstoffdeposition, Gestank, Bodenbelastung, Grundwasserschäden und Immissionsprognosen rundum zu hören. Doch all das gilt es erst noch zu prüfen. Fakt ist, die ersten Wohnhäuser sind neunhundert Meter vom geplanten Bauplatz entfernt. Allein das Grundstück des Investors befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft.


Einer, der nichts von den vorgebrachten Vorwürfen hält, ist Steinfelds Ex-Vizebürgermeister Peter Zentsch. Fienstorf gehörte zur Gemeinde Steinfeld, bevor Anfang des Jahres beide Dörfer der neuen Großgemeinde Broderstorf zugeordnet wurden. Zentsch ist sich sicher, dass Landwirt Kühl, der sich selbst nicht öffentlich zu seinem Bauvorhaben äußert, es aber interessierten Einwohnern gern erläutert, am Ende alle Forderungen im Zuge des Genehmigungsverfahrens erfüllen wird. „Auch unser einstimmiges Nein zum Bau der Anlage in der einstigen Gemeindevertretung Steinfeld ist nicht haltbar“, weiß Zentsch. Denn die Novellierung des Bundesbaugesetzbuches, die den Gemeinden fortan das Recht einräumt, den Neubau beziehungsweise die Modernisierung von Tieranlagen abzulehnen, noch bevor das Genehmigungsverfahren anläuft, greift in diesem Fall nicht. Diese Möglichkeit besteht nur bei gewerblichen Großanlagen, also wo die Investoren nicht aus der Landwirtschaft kommen beziehungsweise nicht über genügend Flächen verfügen, um eine ausreichende Futterversorgung zu garantieren. Da Jan-Hinrich Kühl nachweislich Landwirt ist und nach eigener Aussage auch genügend Fläche hat, um die Versorgung der geplanten 180.000 Masthähnchen zu sichern, steht dem Vorhaben nichts im Wege.


Anders als das Gros der Gegner sieht Peter Zentsch nur eine Chance, den Bau zu verhindern. Im Zuge des Autobahnbaus Rostock­–Berlin war Ende der 1970-er Jahre der einstige Feldweg zwischen Fienstorf und Öftenhäven asphaltiert worden – ohne Unterbodengründung. Allein über diese Straße ist die geplante Anlage zu erreichen. Zentsch spricht von einer Straßenklasse VI, die nicht ausreicht, um der Belastung von bis zu 40 t schweren Transportfahrzeugen dauerhaft standzuhalten.


Ein Problem, um das auch die neue Gemeindevertretung Broderstorf weiß. Landwirt Kühl hat den Gemeinden Borderstorf und Küssewitz angeboten, sich  15 Jahre lang mit jährlich 10.000 € an den zu erwartenden Erhaltungsmaßnahmen zu beteiligen. Zentsch spricht von einem „Kuhhandel“ und argumentiert, dass die Straße schon nach drei Jahren unbefahrbar sein wird. Und die Gemeinde gefordert ist, eine völlig neue Straße zu bauen. Kalkulierte Kosten: knapp 1 Mio. €, laut Straßenbaubeitragssatzung mit einem bis zu 40%-igen Anteil der Anlieger, erklärt Ex-Vize-bürgermeister und Bauexperte Zentsch. Darauf hat er Mitte Juni in einem offenen Brief aufmerksam gemacht, und die Gemeindevertreter aufgefordert, der Vereinbarung nicht zuzustimmen. Doch auch das Problem Zuwegung scheint lösbar.

 

Zweithöchste Zahl der Stimmen bei der Wahl

Nach Recherchen der BauernZeitung sind längst nicht alle Gemeindevertreter mehr gegen den Bau der Anlage. Zuallererst die im Gremium vertretenen Landwirte stehen dem Vorhaben aufgeschlossen gegenüber. Trotz oder gerade wegen des Streits um die Hähnchenställe genießt Landwirt Kühl Ansehen im Dorf: Bei der Wahl zur Gemeindevertretung Broderstorf im April erreichte er die zweithöchste Stimmenzahl aller Kandidaten.


Auch beim Landesbauernverband will man es nicht länger hinnehmen, dass nahezu jeder Antrag auf Bau einer Tierhaltungsanlage von vornherein abgelehnt wird. So ließ Hauptgeschäftsführer Dr. Martin Piehl jüngst bei einem Treffen mit den assoziierten Mitgliedern wissen, dass sich der Verband noch stärker als bisher für die Investoren einsetzen wird. Erst recht, wenn schon genehmigte und begonnene Bauvorhaben durch spätere Einwendungen kurzfristig gestoppt werden. Ohne dass die Investoren wissen, in welchem zeitlichen Rahmen das Gericht entscheiden wird.


 

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