Erster Gedenkort für mutige Landwirte

01.08.2014

© Gerd Rinas

Die neue Ausstellung im Göhrener Zollhaus informiert über 31 Landwirte, die Widerstand gegen die Nazi-Diktatur leisteten. Weitere 120 Persönlichkeiten werden auf einer Ehrentafel genannt.

Für Gerhard Fischer ging kürzlich ein lange gehegter Wunsch in Erfüllung. Im Zollhaus von Göhren-Woldegk wurde eine Ausstellung über Landwirte eröffnet, die sich dem Nationalsozialismus widersetzten. Möglich machte diese Ausstellung die Arbeit von Gerhard Fischer.

Im Widerstand

Seit mehr als zehn Jahren trägt er Informationen über Landwirte zusammen, die der Nazi-Diktatur der Stirn boten. „Über den Widerstand auf dem Lande war lange nur wenig bekannt“, so der Rostocker, der vor seinem Ruhestand selbst Landwirt war. Fischer recherchierte in Archiven und Bibliotheken, traf Zeitzeugen, suchte Kontakt zu Hinterbliebenen der Hitlergegner und fand Dokumente, die belegten, dass auch Gutsbesitzer, Agrarpolitiker, Agrarwissenschaftler, Landwirte, Kleinbauern und Landarbeiter sich widersetzten.

„Es waren weniger als in anderen gesellschaftlichen Schichten“, berichtete Fischer vor den Gästen der Ausstellungseröffnung. Landwirte seien meist konservativ eingestellt gewesen. Nur wenige hätten der Blut- und Bodenpolitik und der faschistischen Ideologie widerstanden. „Aber es gab sie auch in der Landwirtschaft. Sie zu ehren, sind wir heute zusammengekommen“, so der 78-Jährige in Göhren.

151 Kurzbiografien hat er in den vergangenen Jahren zusammengetragen, mehr als 20 Ausstellungen entstanden. Zu sehen waren sie unter anderem an der Agrarfachschule in ­Güstrow, im Schweriner Schloss und im Bundesagrarministerium in Berlin und Bonn. Wenige Tage vor dem 70. Jahrestag des Hitler-Attentats vom 20. Juli erhielt die Ausstellung im Göhrener Zollhaus einen festen „Gedenkort“. Unweit der Stelle im Schlosspark, wo seit 1987 ein Gedenkstein an den Hitler-Gegner Ulrich Wilhelm Graf von Schwerin von Schwanenfeld erinnert, der hier nach 1926 das Gut Göhren bewirtschaftete und der später der Widerstandsgruppe „Kreisauer Kreis“ nahestand. Nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler war Schwerin verurteilt und hingerichtet worden. Sein Sohn Detlef nahm an der Eröffnung der Ausstellung teil.

Mit einem Artikel in der „Weltbühne“ hatte die Journalistin Annette Leo 1986 den Gedenkstein für den Hitler-Gegner Ulrich Wilhelm Graf von Schwerin von Schwanenfeld „auf den Weg gebracht“. Zur Ausstellungseröffnung berichtete sie über die ungewöhnliche Aktion.

„Gefreut und beschämt“

Seit 2006 informiert im Zollhaus eine Ausstellung an „Mecklenburger im Widerstand gegen den Nationalsozialismus“. Woldegks Bürgermeister Dr. Ernst-Jürgen Lode dankte Gerhard Fischer herzlich für seine umfangreiche Dokumentation. Auf dieser Grundlage und unterstützt von der Landeszentrale für politische Bildung sowie der Friedrich-Ebert-Stiftung werden nun in der Ausstellung auch 31 Persönlichkeiten aus der Landwirtschaft gewürdigt.

Er habe sich gefreut, sei aber auch beschämt gewesen, als ihn die Einladung zur Ausstellungseröffnung erreichte, gestand DBV-Vizepräsident Udo Folgart. Gefreut habe er sich, weil es Landwirte gegeben hatte,  die sich den Nazis entgegengestellt haben, und weil es nun einen Ort gebe, wo diese Menschen gewürdigt werden. „Beschämt hat es mich, dass es nicht mehr waren und dass wir erst heute, 81 Jahre nach der Machtergreifung Hitlers und 69 Jahre nach der Befreiung, dazu kommen, diesen Gedenkort einzuweihen.“ Folgart erinnerte an Ernst und Barbara von Borsig, die ihr Landgut  Groß Behnitz zwischen 1941 und 1943  für Treffen des Kreisauer Kreises zur Verfügung stellten.

Prof. Dr. Fritz Tack würdigte das Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944 als Versuch zur Rettung Deutschlands. Der Vorsitzende der Thünengesellschaft wies zugleich darauf hin, dass der Widerstand gegen die Nazi-Diktatur viele Wurzeln hatte, auch Gewerkschafter, Sozialdemokraten und Kommunisten ihr Leben im Widerstand aufs Spiel setzten. Dafür stehen auch die Schicksale von Prof. Dr. Heinz Janert,  in späteren Jahren erster Dekan der Rostocker Agrarfakultät,  und des Forstamtsleiters Achim von Willisen. Bauernverbandsgeschäftsführer Dr. Martin Piehl und Agrarstaatssekretär Dr. Peter Sanftleben erinnerten an die beiden Persönlichkeiten, deren Lebensweg ebenfalls in der neuen Ausstellung im Göhrener Zollhaus nachgezeichnet wird.

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