Ernte läuft auf Hochtouren

30.10.2013

Im Einsatz: Rübenroder und Transporter.

© Jürgen Drewes

Ich erwarte in diesem Jahr einen überdurchschnittlichen Ertrag. Es werden am Ende wohl so um die 650 Dezitonnen sein“, prophezeit Klaus-Uwe Wißotzki und schaut zu, wie Fuhre für Fuhre mit seinen Zuckerrüben an der Miete am
Feldrand abgekippt wird. Der Chef der Agrar AG Kühlung in Kröpelin hat sie auf 85 ha angebaut. Die Hälfte davon wurde Anfang Oktober gerodet, der Rest folgte einige Tage später.

 

Spannende Frage: Wie viel Zucker in der Rübe?


„Fast noch spannender als der Ertrag ist der Zuckergehalt. Meinem Nachbarn hat die Fabrik in Uelzen lediglich einen Anteil von 15,7 Prozent bescheinigt. Das ist natürlich zu wenig“, hofft Klaus-Uwe Wißotzki auf ein wesentlich besseres Ergebnis. Ein Grund für den bislang hinter den Erwartungen gebliebenen Zuckergehalt ist der lange Zeit sehr trockene Sommer. „Trotz ihrer tief in die Erde gehenden Wurzeln hat die Rübe nicht genug Wasser bekommen. Dadurch sind die Blätter gewelkt. Später, mit den Niederschlägen im September, sind neue gewachsen. Aber die mussten sich aus der Rübe heraus ernähren. Das hat wohl am Zuckergehalt gezehrt“, weiß Wißotzki.
„So an die 18 Prozent hätte ich schon gern“, sagt Klaus Zeplien, Chef der Agrargenossenschaft Papendorf und Vorsitzender des Bauernverbandes Bad Doberan. Auch er wartet noch auf das Ergebnis seiner Rübenanalyse. In diesem Fall aus der Fabrik in Anklam. Auch Nachbar Peter Gertenbach in Groß Stove hat noch kein abschließendes Ergebnis. Er war einer der ersten in der Region, der mit der Ernte begann. Auch seine Rüben gehen nach Anklam. Die zur niederländischen Suiker Unie gehörende Fabrik verarbeitet nahezu sämtliche Rüben aus dem Ostteil von Mecklenburg-Vorpommern. Die Grenze verläuft in Höhe von Rostock.

 

„Ökonomisch undökologisch Wahnsinn“


Alle Landwirtschaftsbetriebe, die westlich davon liegen, liefern ihre Rüben nach Uelzen. Die Fabrik in Niedersachsen gehört zur Nordzucker AG, dem zweitgrößten Zuckerproduzenten Europas. Zum Unternehmen gehörte bis 2010 auch die Fabrik in Güstrow. „Ich kann bis heute nicht verstehen, warum die abgerissen werden musste. Güstrow lag für uns praktisch um die Ecke. Jetzt nach Uelzen ist jede Tour genau 199 Kilometer lang. Hin und zurück also knapp 400. Ökonomisch wie ökologisch ein Wahnsinn“, sagt Vorstandsvorsitzender Wißotzki. Er hat viele Jahre lang als Vorsitzender des Güstrower Zuckerrübenanbauerverbandes und im Aufsichtsrat der ZAG Zuckeraktiengesellschaft Uelzen-Braunschweig für den Standort Güstrow gestritten. Trotz härtester Auseinandersetzungen gelang es den Anbauern und Nordzuckeraktionären in Mecklenburg-Vorpommern aber nicht, die Führungsetage des Braunschweiger Unternehmens umzustimmen, die mit Millionenaufwand modernisierte Zuckerfabrik in Güstrow weiter zu betreiben. Stattdessen flossen für den Abriss erneut Millionen, dieses Mal von Brüssel gen Unternehmenszentrale in Braunschweig.
Der 2017 auslaufenden EU-Zuckermarktordnung sehen die Landwirte mit Spannung entgegen. „Niemand weiß, wie sich der Zuckerpreis im Wettbewerb mit Rohrzucker entwickeln wird und wer künftig die Transporte zur Fabrik bezahlt“, macht Rübenbauer Wißotzki seinem Unmut Luft. Gut möglich, dass nicht mehr Nordzucker, sondern die Landwirte dafür aufkommen müssen. Viele der 360 Produzenten im Bereich des Güstrower Anbauverbandes würden in diesem Fall die Zuckerrübenproduktion nach eigenen Angaben aufgeben. Allein deshalb, weil es sich angesichts der langen Transportwege finanziell nicht mehr rechnen würde. Ein Aus zum Nachteil einer ausgewogenen Fruchtfolge. Das schmerzt zusätzlich.

 

Mit 600 dt/ha gute Ernte eingefahren


Thies Holtmeier hat dieses Problem nicht. Der Landwirt aus Sarow, unweit von Demmin, ist einer der größten Rübenanbauer im Land. Er liefert nach Anklam, zur einzigen verbliebenen Zuckerfabrik in Mecklenburg-Vorpommern. Für ihn sind die Transportwege vergleichsweise kurz. Holtmeier, der Vorsitzender des Anklamer Anbauerverbandes ist,  hat auch in diesem Jahr mit rund 600 dt/ha eine gute Ernte eingefahren. Auf die Ergebnisse zum Zuckergehalt wartet aber auch er noch. Beim Roden setzt der gebürtige Schleswig-Holsteiner auf einen Interessenverbund von sechs Landwirten, die mit überwiegend eigener Technik die Rüben aus der Erde holen. Die Flächen sind so groß, das es sich wirtschaftlich lohnt.
Erik Salow ist mit seinem Hochleistungsroder von früh morgens bis zum Dunkelwerden im Einsatz. Gleich mehrere Bildschirme in der klimatisierten Fahrerkabine bieten dem 25-Jährigen jederzeit einen Überblick über das Geschehen vor, neben und hinter dem Roder. Im Grunde genommen läuft alles wie von selbst. So ist schon nach wenigen Minuten der 20 t fassende Ladebunker randvoll. Zeit für Tobias Ballschmieter, die Ladung auf seinen Transporter zu übernehmen und Richtung Miete am Feldrand zu fahren. Schnurstracks geht es von dort zurück zum Roder. Stillstand wollen beide nicht. Zeit ist Geld, sagen sie.

 

Landwirte warten erst einmal ab


„Das Wetter war uns bislang bei der Ernte ein guter Verbündeter“, argumentiert Antje Wulkow. Als Geschäftsführerin vertritt sie die Interessen von 740 Landwirten, die sich im Anklamer und Güstrower Anbauerverband organisiert haben. Gern würde sie noch das eine oder andere Mitglied neu hinzugewinnen. Die im Mai novellierte Verbandssatzung macht das möglich. Doch viele Landwirte sind angesichts der demnächst auslaufenden EU-Zuckermarktordnung zurückhaltend, wollen erst einmal abwarten, wie sich die Vermarktungssituation gestaltet.

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