Erdgasleitung Nordstream 2

15.06.2017

© Gerd Rinas

Bild rechts oben: Wegen der nahen Ostsee bietet dieser Standort ein Ertragspotenzial von fünf Tonnen pro Hektar. Wird daraus demnächst renaturierte Wiese? Dagegen setzt sich Landwirt Rüdiger Wessel zur Wehr. Bild links unten: „Der Schlag Neuendorf hat 40 Bodenpunkte. Hier ernten wir neun Tonnen Getreide vom Hektar. Wie kann man ernsthaft auf die Idee kommen, diesen Standort zu renaturieren?“, fragt Ulrike Böttcher. Bildmitte: Mehr als 27 000 Rohrsegmente stapeln sich mittlerweile vor dem Werk in Sassnitz-Mukran, in dem im Sommer die Betonummantelung für die Rohre der Nord-Stream-2-Trasse starten soll.

Seit ein paar Wochen treffen sich 13 Rügener Landwirte an jedem Montagabend am gleichen Ort: Alle sind betroffen vom Bau der Erdgasleitung Nordstream 2. Allen droht der Verlust von Ackerland, wenn die Pläne des Gasleitungsbauers wahr werden. Keiner der Landwirte will das hinnehmen. „Wir wollen, dass unser Ackerland in der Nutzung bleibt und nicht zu Weide oder Wald renaturiert wird“, sagt Ulrike Böttcher entschlossen.

 

„Gern zeitnah einigen“


Sie ist Geschäftsführerin der Landwirtschaftsbetrieb GmbH Lauterbach & Co. KG. Das Unternehmen bewirtschaftet Flächen am Wreecher See. Das Gebiet gehört zum 3 000 ha großen „Suchraum“ auf der Insel, in dem 1 000 ha Ackerland als Umweltausgleich für den Gasleitungsbau auf deutschem Gebiet renaturiert werden sollen. Von dem Vorhaben erfuhr Ulrike Schröder in einem Schreiben Mitte März. Darin wurde sie von der Landgesellschaft informiert, dass für die ­Eingriffe in Natur und Landschaft beim Bau der Nordstream-2-Leitung der Pipelinebauer einen Ausgleich bzw. Ersatz erbringen müsse. Am Wreecher See seien daher Nutzungsänderungen landwirtschaftlicher Flächen mit dem Ziel einer verbesserten Wasser- und Nährstoffrückhaltung vorgesehen. Zur rechtlichen Sicherung seien in den betroffenen Flurstücken beschränkte persönliche Dienstbarkeiten erforderlich. Über deren Bewilligung „würden wir uns gerne zeitnah mit Ihnen einigen“, heißt es weiter.


„Ich habe das Schreiben nicht für voll genommen und abgelegt“, erinnert sich Ulrike Böttcher. Doch schon zwei Tage später holte sie es hervor. „Nach einigen Telefonaten mit Berufskollegen war klar, das wir zu denen gehörten, die ein Problem hatten. Wir bewirtschaften am Wreecher See etwa 200 ha Pacht- und Eigentumsland. Das ist auch in unserem Betrieb mit 900 ha Ackerland eine Hausnummer“, sagt die studierte Landwirtin. Deshalb schloss sich Lauterbach der WhatsApp-Gruppe von 13 Landwirten an, denen Flächenverlust droht.

 

Warum nicht angerufen?


„Die Betroffenheit ist sehr unterschiedlich“, sagt Ulrike Böttcher. Es gebe Landwirte, die 1,5 ha verlieren könnten, und andere, bei denen 1 100 ha in Rede stünden. Manchem drohe der Verlust von bis zu 40 % der Betriebsfläche. „In unserer Nachbarschaft wirtschaftet ein Pferdehof auf 120 ha. 100 ha davon liegen in einer Kulisse für den Umweltausgleich“, sagt Böttcher.


Die Landwirtin macht keinen Hehl daraus, dass sie sich auch von der Landgesellschaft MV ein anderes Herangehen gewünscht hätte. „Ausgerechnet die Landgesellschaft! Die Kollegen hätten doch schon früher mal anrufen und fragen können, wo weniger wertvolle Flächen zur Verfügung stehen“, findet Böttcher. Die Landgesellschaft war von der Nord Stream 2 AG beauftragt worden, mit den Grundstückseigentümern wegen der Kompensationsmaßnahme Kontakt aufzunehmen. Weil Nordstream 2 nach unbestätigten Angaben für Mai 2018 Schiffe zum Verlegen der Rohre in der Ostsee gebucht hat, steht das ganze Vorhaben unter enormem Zeitdruck.

 

Kein vernünftiger Grund


Für die Landwirte in der Aktionsgruppe gibt es keinen vernünftigen Grund, weshalb ihr Ackerland renaturiert werden soll. Zwar will Nordstream 2 bei nicht mehr möglicher Nutzung der Grundstücke diese in Höhe des geltenden Bodenrichtwertes mit einem Aufschlag von zehn Prozent vergüten. Für Ulrike Böttcher wiegt das den möglichen Verlust des Ackerlandes  aber nicht auf. Andere Landwirte kritisieren, das die Kompensation eine Laufzeit von 25 Jahren habe. Nur für diese Zeit wird die Entschädigung gewährt. Danach ist es gesetzlich allerdings untersagt, die renaturierten Flächen wieder in Ackerland umzuwandeln. Landwirte, die vom Flächenverlust betroffen sind, sprechen deshalb von Enteignung.


Frühzeitig haben sich die Bauern entschieden, zwei Rechtsanwaltskanzleien mit der Vertretung ihrer Interessen zu beauftragen. „Ohne rechtliche und umweltschutzfachliche Beratung wäre es für uns noch viel schwerer“, glaubt Landwirt Rüdiger Wessel. Auch der Nachbarbetrieb von Ulrike Böttcher ist von dem geplanten Umweltausgleich betroffen. „Wenn ich Pech habe, verliere ich 90 ha“, sagt Wessel, der zurzeit 450 ha Acker und 45 ha Grünland bewirtschaftet. Sein Dilemma: Schon 2017 hat er 65 ha Pachtland eingebüßt, nachdem die BVVG die Flächen ausgeschrieben hatte. Damit nicht genug: 2018 könnte er weitere 68 ha BVVG-Pachtland durch Ausschreibung loswerden.

 

Hoffnung nach Gespräch mit Kanzlerin


Im Streit um den Umweltausgleich hat Wessel aber Hoffnung. „Seit dem Gespräch mit Bundeskanzlerin Merkel im Mai in Klausdorf ist Bewegung in die Sache gekommen“, sagt der Landwirt. Zufall oder nicht: Vor dem Gespräch mit der Kanzlerin, am gleichen Tag, meldete sich auch das Büro von Minister Backkaus mit einem Gesprächstermin. Bei der Zusammenkunft habe der Minister versichert, mit den Kulissen für den Umweltausgleich „nichts zu tun zu haben“. Dennoch musste auch Backhaus sich die Frage gefallen lassen, warum er nicht eher auf den drohenden Flächenverlust hingewiesen hat.


Ulrike Böttcher, Rüdiger Wessel und die anderen Landwirte in der Aktionsgruppe sind sich in einem Punkt einig: „Solange unsere Flächen nicht aus der Kulisse für den Umweltausgleich raus sind, machen wir weiter. Wir lassen uns nicht überrumpeln“, versichert Wessel. Der Erörterungstermin, wenn der Leitungsbauer sich zu den knapp 200 Stellungnahmen und Einwendungen äußern muss, ist für Juli vorgesehen. Bis dahin wollen die Landwirte mit weiteren Aktionen in der Öffentlichkeit auf  den drohenden Verlust ihrer Existenzgrundlage aufmerksam machen. 

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