Drescher in der Warteschleife

22.07.2015

© Gerd Rinas

Startklar für den Drusch.

Ein Blick auf den Feuchtemesser bestätigt Severin Borgwardt, was er ohnehin schon ahnte: „21,7 Prozent. Das ist eindeutig zu viel. 14,5 Prozent  Feuchte sind die Grenze, um das Getreide ohne Abschläge zu vermarkten“, erläutert der Abteilungsleiter Ackerbau den Journalisten, die nach Alt Sührkow bei Teterow zur Erntepressekonferenz des Bauernverbandes MV angereist sind.

 

Immer wieder Regenschauer


Im gastgebenden Betrieb, der Alt Sührkower Agrar GmbH, sollten zu diesem Zeitpunkt die Mähdrescher schon längst in der Gerste sein. Auf 200 ha haben die Landwirte um Geschäftsführer Matthias Hantel die Kultur ins Feld gestellt. „Das Wetter hat uns aber einen Strich durch die Rechnung gemacht“, berichtet Hantel, der auch Vorsitzender des Güstrower Bauernverbandes ist. „Beim Probedrusch am 10. Juli sah es noch gut aus. Am Samstag haben wir bis 22 Uhr, so lange es ging, gedroschen. Die Sorte Lomerit war erntereif, Meridian grenzwertig. Die Hybridsorten waren noch nicht so weit“, erläutert der Landwirt. Nach einem Druschtag unterbrachen Regenschauer bis Mitte voriger Woche die Gerstenmahd. „Wir müssen Geduld haben“, sagt Hantel mit einem Blick auf den Feuchtemesser. „Weizen und Raps brauchen noch 14 Tage.“
Anders als im vergangenen Jahr sind die Erwartungen dieses Mal gedämpft. „Wir gehen von niedrigeren Erträgen aus“, lässt Hantel durchblicken. Neben der Wintergerste auf 200 ha haben die Alt Sührkower auf 360 ha Winterweizen und auf 315 ha Winterraps gedrillt. Hinzukommen 80 ha Sommergerste zur Vermehrung und etwas Roggen, der bereits abgeerntet und als Ganzpflanzensilage verwertet wird. Auf 250 ha steht Silomais für die 670 Milch- sowie 200 Mutterkühe des Unternehmens.


Ein Drittel des Winterweizens, 80 % vom Raps und die Hälfte der Gerste sind über Vorkontrakte schon vermarktet.  „Wir haben Verträge mit drei Getreidehändlern, zwei davon sind vor Ort in Teterow, das ist ein großer Vorteil“, sagt Matthias Hantel. Mit 178 €/t Qualitätsweizen liegen die Preise derzeit über dem Niveau vom August 2014 (159 €/t). Ähnlich ist es bei Futterweizen mit 156 €/t (August 2014: 146 €/t) und Raps mit 372 €/t (2014: 297 €/t). Der Haken: Viele Landwirte haben Vorkontrakte im vergangenen Herbst oder im Frühjahr oft zu ungünstigeren Konditionen abgeschlossen. Von den Spitzenpreisen im Juli 2013 (Qualitätsweizen: 231 €/t, Raps: 446 €/t) sind die Märkte weit entfernt.


„Seit etwa zwei Jahren haben die kurzfristigen Preisschwankungen enorm zugenommen“, macht Landesbauernpräsident Rainer Tietböhl aufmerksam. „Der Bauer hat gar keine Zeit, um in der Woche immer wieder nach dem aktuellen Marktpreis zu sehen, damit er im richtigen Moment verkaufen kann.“ Schon aus diesem Grund machten auch in der Vermarktung von Getreide und Raps Erzeugergemeinschaften mit einem richtigen Verkäufer Sinn. „In der Region Demmin werden Mähdruschfrüchte über eine EZG gut vermarktet“, so Tietböhl. Gerade jetzt bräuchten die Landwirte hohe Preise und „die beste Ernte der letzten zehn Jahre, um die Verluste in der Veredlung auszugleichen. Mit 27 Cent pro Kilogramm Milch kann kein Milchbauer leben“. Ähnlich schlecht seien die Erlöse bei Schweinen und Geflügel.

 

Insektizide im Herbst statt Beizen


Bei der anstehenden Ernte zählt das alles nicht: Die Voraussetzungen für Spitzenerträge sind offenbar nicht gegeben. „Herbst und Winter waren mild, wir hatten einen hohen Schädlingsdruck in Getreide und Raps. Das Frühjahr war dagegen zu trocken und kalt. Ich rechne mit bis zu 20 Prozent geringeren Erträgen als im Ausnahmejahr 2014“ schätzt Tietböhl ein.  Nicht nur wegen der zu erwartenden Mindererträge besorgt zeigte sich der Bauernpräsident mit Blick auf die beiden Hauptkulturen Winterweizen und -raps, die auf über 50 % der Ackerfläche stehen: „Abgesehen vom aktuellen Erntegeschehen – wichtig ist, dass wir auch künftig in Mecklenburg-Vorpommern Qualitätsweizen produzieren können. Dafür müssen die Kulturen weiterhin standort- und bedarfsgerecht mit Nährstoffen versorgt werden können“, betonte Tietböhl mit Hinweis auf die kommende Novellierung der Düngeverordnung.


Bei Winterraps wären Tietböhl und Hantel schon froh, wenn sich der Durchschnittsertrag in diesem Jahr im langjährigen Mittel (39,9 dt/ha) einpegeln würde. „Der Raps hat weniger Schoten ausgebildet, die Wurzeln sind teilweise abgefault“, berichtet Matthias Hantel. Das Beizverbot und der hohe Schädlingsbefall wirkten sich aus. „Rapserdfloh und die Larven der Kleinen Kohlfliege haben die jungen Rapspflanzen im Herbst stark geschädigt. „Wir haben versucht, mit Insektizidbehandlungen gegenzusteuern. Ob das besser ist, als sachgemäß zu beizen, ist mehr als fraglich“, so Hantel, der ohne Umschweife die Zulassung einer geeigneten Beize forderte, um die Schädlinge wirkungsvoll bekämpfen zu können.

 

Arbeitszeitkonten übers ganze Jahr


Bauernpräsident Tietböhl machte noch eine andere Forderung auf. „Wenn die Ernte in den nächsten Tagen richtig losgeht, kann ich den Mähdrescherfahrer nicht nach acht Stunden nach Hause schicken. Auch nicht nach einer Wochenarbeitszeit von 48 oder, in tarifgebundenen Betrieben, nach 56 Stunden.“ Das Mindestlohngesetz schreibe aber Arbeitszeiten vor. „Wir müssen ernten, wenn es trocken ist. Deshalb hoffe ich auf wohlwollende Kontrollen  durch den Zoll. Die beste Lösung wären Arbeitszeitkonten für die Mitarbeiter, mit denen Überstunden übers Jahr ausgeglichen werden können“, schlug Tietböhl vor.

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