Bauern gehen baden

20.09.2016

© Gerd Rinas

Bauern gehen baden

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Die Stimmung am Strand von Warnemünde ist an diesem Donnerstagmorgen entspannt. Die Sonne lacht, Urlauber flanieren auf der Promenade. Die Männer und Frauen in den grünen Latzhosen, gelben Westen und mit Transparenten in den Händen, die sich gleich neben dem Hotel „Neptun“ versammelt haben, wollen nicht so recht ins Bild von Ferien und Seebad passen.

Doch die Landwirte, Mitglieder des Bauernverbandes MV und des Bundes Deutscher Milchviehhalter (BDM), haben sich den Ort für ihren Protest nicht zufällig ausgesucht. Im mondänen „Neptun“ sind die Agrarminister der Länder zu ihrer Herbsttagung zusammengekommen. Auch Bundesagrarminister Christian Schmidt wird erwartet (siehe S. 18). „Jeden Tag machen Milchbauern ihre Betriebe dicht, weil sie mit den Auszahlungspreisen nicht mehr klarkommen. Allein Mecklenburg-Vorpommern hat seit Ausbruch der Marktkrise 60 Betriebe mit 10 000 Kühen und 150 Mio. € Einkommen verloren. Die Wertschöpfung ist weggebrochen und für immer verloren“, ruft Bauernpräsident Detlef Kurreck den Berufskollegen zu. Die Zeit laufe den Bauern davon. „Wir wollen von unserer Arbeit leben und unsere Produkte verkaufen können. Dazu brauchen wir neue Regelungen in der Vermarktung, mit der die Milchmenge am Markt gesteuert werden kann. Das geht nicht ohne Unterstützung aus der Politik“, so der Präsident mit Blick auf die nebenan tagenden Minister.

Kurrecks Worte finden Zustimmung unter seinen Zuhörern. „Du gehst jeden Tag arbeiten und weißt, dass du noch Geld dazugeben musst. Das ist frustrierend“, sagt Bernd Wetzel. In einer GbR in Gessin bei Teterow bewirtschaftet er mit seinem Partner 550 ha LF und 145 Milchkühe. Schon längst greift die Krise in der Landwirtschaft auf die regionale Wirtschaft über. „Die Landtechnikwerkstätten stehen leer, im Baumarkt fragen die Leute, wann endlich das Milchgeld hochgeht. Die Auftragslage aus der Landwirtschaft ist gleich null“, sagt Wetzel nachdenklich.

„Bei uns in Sommerstorf hat der letzte Milchbauer im vorigen Jahr seinen Stall abgeschlossen. Wir machen nur Ackerbau, aber nach den schlechten Erträgen müssen auch wir sehen, wie wir bis zur nächsten Ernte kommen. Heute sind wir hier, weil wir uns mit den Milchbauern solidarisch zeigen wollen“, sagt Chris Glasenapp aus Sommerstorf.

Wenig später machen die Bauern an der Promenade Ernst. Sie ziehen weiter an den Strand – und gehen in ihren Arbeitssachen baden. Bis ihnen das Wasser zum Hals steht. „So ist die Lage, daran gibt es nichts mehr zu beschönigen“, sagt ein Landwirt, als er mit triefender Hose aus der Ostsee steigt.

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