10. VR-Landwirtschaftstag

01.03.2017

© Heike Mildner

Podiumsgäste: Moderator Dietrich Holler, Landwirtschaftsminister Till Backhaus, Bauernpräsident Detlef Kurreck, Staatssekretär Hermann Onko Aeikens, Landwirt Jörg Haase und Rudolf Mögele von der EU-Kommission (v. l.).

Als ersten Podiumsgast bat Dietrich Holler, bewährter Moderator des VR-Landwirtschaftstages in Linstow noch vor den Agrarpolitikern von Land, Bund und EU einen Landwirt auf die Bühne: Jörg Haase vom Vorstand der Agrar AG Gadebusch,  mit 1 600 ha, ein reiner Marktfruchtbetrieb. Mit der Wahl dieses Podiumsgastes als „Praxis-Checker“ der Agrarpolitik umging man von Veranstalterseite geschickt alles, was mit Milchkrise und Zukunft der Milchviehhaltung zu tun hat. Von manchem im Publikum wurde das durchaus als Manko der Runde angesehen. Zu diskutieren gab es aber auch so eine Menge, ging es doch um die Zukunft der Landwirtschaft, um die politischen Rahmenbedingungen für Veränderungen in der Agrarstruktur, um die weitere Technologisierung und Digitalisierung und um die Sicht der Öffentlichkeit auf den Berufsstand.

 

Deckel drauf oder nicht?


„Wir“ – und damit meint Landwirtschaftsminister Dr. Till Backhaus die Landwirte – „werden zunehmend von der allgemeinen Bevölkerung nicht mehr verstanden.“ Er plädiere für einen „radikalen Bürokratieabbau“ und eine „ganz klare Zielorientierung“ in der neuen Legislaturperiode und erntete dafür aufrichtigen Beifall. Das Dreieck zwischen Ökonomie, Ökologie und sozialer Verantwortung müsse geschlossen werden. Der reine Liberalismus in der Agrarpolitik der vergangenen Jahre habe kein Instrument des Ausgleichs bei zwei Milchkrisen geboten, so Backhaus. Der Zwang zur Privatisierung des Grund und Bodens sei ein Fehler gewesen, die europäische Finanzmarktpolitik führe die Landwirtschaft  über die Spekulation mit Grund und Boden ins Desaster. „Wir wollen ein Agrarstrukturgesetz machen, wir versuchen im Dialog mit den Landwirten da weiterzukommen“, so Backhaus, der jene Landwirte unterstützen will, die „vor Ort in der Kommune vertreten sind und sich einbringen“.


„Wir können in Mecklenburg nicht die europäische Finanzpolitik wieder geraderücken“, kontert Landesbauernpräsident Detlef Kurreck, der sich gegen eine Deckelung des betrieblichen Wachstums ausspricht. Sie würde letztlich die Handlungsoptionen des einzelnen Landwirts einschränken. In jeder Branche gebe es Fehlentwicklungen, da müsse man an die Ursachen gehen.


Dr. Hermann Onko Aeikens, der als Landwirtschaftsminister in Sachsen-Anhalt selbst ein Agrarstrukturgesetz auf den Weg bringen wollte und seit September als Staatssekretär im Bundeslandwirtschaftsministerium arbeitet, gab zu bedenken, dass es Strukturwandel immer gegeben habe und es ihn auch weiter geben werde. „Wir müssen sehr genau beobachten: Wer betreibt Landwirtschaft und wie entwickelt sie sich? Wollen wir Landwirtschaft als Parkort für Vermögensanlagen oder wollen wir Betriebe, die sich aus sich heraus entwickeln und wachsen? Das ist ein wesentlicher Unterschied“, so Aeikens. Die Zuständigkeit für den Bodenmarkt liege auf Länderebene, aber man sei besorgt, habe eine Arbeitsgruppe etabliert, in der man gemeinsam darüber nachdenke, wie am Bodenrecht Änderungen vorgenommen werden könnten.


Ob es der EU egal sei, ob ein Möbelhersteller, der sich einen Bauernhof gekauft hat oder ein Landwirt EU-Direktzahlungen bekomme, wollte Dietrich Holler von Rudolf Mögele wissen, der in der Europäischen Kommission für die Entwicklung und Umsetzung der Strategien für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung verantwortlich ist. Für die Frage bekam Holler Applaus, die Antwort fiel dagegen karg aus: Das sei ein Mechanismus, der in die Agrarregelungen eingebaut sei. Und Landwirt Haase fragt sich derweil, wie lange es überhaupt noch Fördermittel von der EU gibt.

 

Brexit und weniger Geld


Mögele verwies auf die beschlossene Förderperiode bis 2020. Wie es danach weitergeht, wird diskutiert und auch darüber, wie viel Geld für die Agrarpolitik zur Verfügung steht, wenn mit Großbritannien ein „nicht unbeträchtlicher Nettobeitragszahler“ aus der EU austritt. „Es werden Finanzausfälle da sein, die in irgendeiner Form eingepreist werden müssen“, so Mögele. Wie, sei noch unklar.


Agrarblogger Marcus Holtkötter alias Bauer Holti plädierte angesichts eines erhöhten Rechtfertigungsdrucks für mehr Eigeninitiative in der Öffentlichkeitsarbeit. Sein Einstieg: „Wer im Saal ist bei Facebook oder Twitter?“ – kaum ein paar Hände heben sich. Später: „Wer hat ein Smartphone?“ – fast alle. Die ungenutzten Potenziale werden sinnfällig. Man sei heute nicht mehr auf die Tagespresse angewiesen, man könne sich eine eigene Öffentlichkeit schaffen, so Holtkötter. Er mache das, seit er mit Smartphone auf dem Schlepper sitze. „Wir Landwirte müssen aktiv werden!“, ist Holtkötter überzeugt und wünscht sich das Bild vom Landwirt so: „cool, mit hohem fachlichen Niveau und sympathisch“.

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