Wolfsmanagement: Zeit für Entscheidungen

05.01.2017

© Wolfgang Herklotz

Staatssekretärin Carolin Schilde, Prof. Heinz Röhle sowie Andreas Piela und Ekkehard Kluge (v. l.) vom Umweltministerium.

Die Nachricht nur wenige Tage nach der Veranstaltung im Dezember vergangenen Jahres in der Landeshauptstadt hätte aktueller nicht sein können. In der Nähe einer Kindertagesstätte im havelländischen Rathenow wurde am hellerlichten Tag mehrmals ein Wolf gesichtet, der ohne Scheu auch auf umliegenden Grundstücken unterwegs war. Somit ein für ein Wildtier untypisches  Verhalten. Daraufhin stellte das Landesumweltamt den Antrag auf „Entnahme“ des Wolfs, dem das Landratsamt stattgab. Zwar wurde das Tier bislang nicht wieder gesichtet. Experten vermuten, dass es von einem Truppenübungsplatz in Sachsen-Anhalt stammt und dorthin wieder zurückgekehrt ist. Dennoch handelt es sich um eine bahnbrechende Entscheidung der Behörde, das Agieren von Canis lupus nicht mehr einfach hinzunehmen.


Denn mittlerweile gibt es von 46 in Deutschland festgestellten Wolfsrudeln allein 22 im Land  Brandenburg. Hinzu kommen zwei Paare und zwei Gebiete mit bislang unklarem Status, wie auf dem 3. Wolfsplenum am 14. Dezember in Potsdam bekanntgegeben wurde. Doch die Zahl der grauen Räuber hierzulande dürfte noch viel größer sein, wie Teilnehmer des Plenums, unter ihnen zahlreiche Schäfer und Mutterkuhhalter, anhand eigener Beobachtungen berichteten.


Allein im vergangenen Jahr wurden per 12. Dezember 118 Übergriffe auf Nutztiere gemeldet, bei denen in 83 Fällen der Wolf als Verursacher galt beziehungsweise nicht ausgeschlossen werden konnte, wie es offiziell heißt. Es wurden  182 Schafe, 23 Kälber und 23 Stück Damwild sowie drei Alpakas gerissen, berichtete Katrin Todt vom Landesumweltamt auf dem Plenum. „Wir gehen davon aus, dass die Zahl der Übergriffe höher liegt, weil nicht alle betroffenen Tierhalter eine Meldung veranlassen.“ Todt informierte darüber, dass in 40 von 83 Fällen ein Schadensausgleich gewährt wurde. Ein Teil der Anträge werde noch bearbeitet, da Gutachten einzuholen und auf die Einhaltung von Mindeststandards zu achten sei.


Es sind vor allem die kleineren Schaf- und Ziegenhalter, die in Bedrängnis geraten. „Für sie ist nicht nur der Aufwand für die Sicherungsmaßnahmen sehr hoch, sondern auch die ganze Förderantragsgeschichte außerordentlich  stressig“,  betonte Knut Kucznik, der Vorsitzende des Schafzuchtverbandes Berlin-Brandenburg e.V. „Wir hoffen sehr, dass es nicht wieder ein Jahr dauert, bis Hilfe kommt!“ Kucznik machte die Forderung des Verbandes deutlich: „Prävention und Schadensausgleich müssen zu hundert Prozent gewährt werden, auch für Betriebe im Nebenerwerb!“


Der Bauernbund Brandenburg erwartet eine klare, praxistaugliche Definition sogenannter Problemwölfe und eine verbindliche Ansage, wann diese entnommen werden dürfen. „Es muss sofort eine Regelung geben, wir können nicht länger warten“, erklärte Reinhard Jung, zugleich Mutterkuhhalter.  Die Prävention, wichtiger Bestandteil des Wolfsmanagements neben Monitoring und Schadensausgleich, bezeichnete er als ein „Wettrüsten, bei dem viel Geld verbrannt wird“. Das Einzige, was vor Wolfsattacken noch sicher schütze, sei die Stallhaltung.


Deutliche Zweifel am Monitoring äußerte Robert Franck vom Landesjagdverband. „Die Erfassung der Wölfe ist ungenau, uns macht deren rasante  Ausbreitung große Sorge. Vor allem erwarten wir eine Antwort auf die Frage, wieviele Wölfe das Land vertragen kann!“ Dem hielt Robert Kless vom Internationalen Tierschutz-Fonds IFAW entgegen: „Von Obergrenzen halten wir nichts.“ Dies widerspreche dem per Gesetz verbrieften EU-Artenschutz und würde zudem die Probleme der Weidetierhaltung nicht lösen. Er erntete Widerspruch auch von Mutterkuhhalter Jens Schreinicke, zugleich Vorsitzender des Kreisbauernverbandes Potsdam-Mittelmark, der ebenfalls für eine Obergrenze plädierte und einen hundertprozentigen Ausgleich ebenso  für die Arbeitsleistungen beim Errichten von Schutzzäunen forderte. „Wir bleiben auf unseren Kosten sitzen, das geht so nicht!“ Während sein Spreewälder Berufskollege Frank Michelchen aktuelle, öffentlich zugängliche Daten über Wolfsvorkommen einforderte, brachte Christoph Rechberg vom Verband der Familienbetriebe Land und Forst Brandenburg e.V. in klaren Worten zum Ausdruck, was er vom Wolfsmanagement hält: „Die Reise ist gebucht, man befindet sich im Steigflug, aber das Ziel steht nicht fest!“


Matthias Schannwell vom Landesjagdverband wies darauf hin, dass die Verbände von Anfang an Obergrenzen, die Klärung des Schutzstatus und verbindliche Entschädigungsregelungen gefordert hätten. „Diese Forderungen wurden zu großen Teilen nicht berücksichtigt, deshalb  sehen auch wir die Umsetzung des Wolfsmanagementplans sehr kritisch.“

 

„Angst und bange“


In diesem Sinne äußerten sich weitere Vertreter von Verbänden   und Vereinen, darunter der Landesarbeitsgemeinschaft für Jagdgenossenschaften und Eigenjagdbesitzer. Drastische Worte fand der 75-jährige Schäfermeister Arno Laube. „Mir wird angst und bange, wenn ich an unsere Zukunft denke. Wenn das so weitergeht, stehen wir Schäfer schon bald auf der Roten Liste!“


Die großen Zweifel besonders unter den Weidetierhaltern konnte auch der Wolfsbeauftragte Kay-Uwe Hartleb nicht zerstreuen. Er sprach sich dafür aus, verstärkt zu erforschen, welche Rolle der Wolf in der Kulturlandschaft spielt. Überdies soll der Herdenschutz in Schwerpunktgebieten noch mehr unterstützt werden. Dies kündigte Andreas Piela, Referatsleiter Arten- und Biotopschutz im Umweltministerium, an. „Die Förderung von Präventionsmaßnahmen gilt auch für Mutterkuhhalter.  Es wird kulante Ausgleichsregelungen im Falle von gerissenen Kälbern geben“, versicherte Piela. Dass diese jedoch im Vergleich zum Vorjahr deutlich angestiegen sind, bezeichnete er als „Ausrutscher“, was mancher Weidetierhalter im Saal kopfschüttelnd zur Kenntnis nahm.


Für den Bau von wolfssicheren Zäunen und weitere Präventionsmaßnahmen hat Brandenburgs Umweltministerium von 2008 bis 2015 rund 600 000 € bereitgestellt. Für 2016 wurden Anträge in Höhe von 200 000 € bewilligt, für den Ausgleich von Schäden in den vergangenen zehn Jahren 126 000 €. „Ich bin froh, dass wir die Tierhalter finanziell unterstützen konnten. Diese Zahlen regen aber auch zum Nachdenken an“, so Agrarstaatssekretärin Carolin Schilde. „Ich bin der festen Überzeugung, dass die Akzeptanz für streng geschützte Arten nur dann dauerhaft gegeben sein wird, wenn wir Prävention beziehungsweise Entschädigung als Gesellschaft finanzieren und Regularien bereithalten, wenn es zu Problemen kommt.“

 

Schutzstatus korrigieren


Die Staatssekretärin erinnerte daran, dass Brandenburg zusammen mit Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern auf der Umweltkonferenz im November einen Antrag zum Thema Wolf eingebracht hat. Darin wird der Bund aufgefordert, weitere Populationsbetrachtungen zum Erhaltungszustand der geschützten Wildtierart vorzunehmen. Zugleich soll die EU stärkere Unterstützung in dem Fall leisten, wo ein günstiger Erhaltungszustand erreicht beziehungsweise überschritten wurde. „Wo Schäden nicht mehr zu akzeptieren und zu finanzieren sind, muss eine Einordnung in einen geringeren Schutzstatus erfolgen.“


Die von Prof. Heinz Röhle von der TU Dresden moderierte Veranstaltung machte deutlich, dass es noch erheblichen Diskussionsbedarf gibt, um die Konflikte in Sachen Wolfs- und Herdenschutz zu entschärfen.  Sie war aber zweifellos ein wichtiger Schritt, um den vor fünf Jahren verabschiedeten Wolfsmanagementplan zu bewerten. Fortsetzung folgt.

 

 

 

Bei Verdacht auf einen Wolfsangriff empfiehlt es sich, sofort Kontakt zu den vom Land beauftragten Rissgutachtern aufzunehmen. Die Nummer der Schadenshotline: Tel. (01 72) 5 64 17 00. Die bei einer Vor-Ort-Begutachtung entstehenden Kosten übernimmt das Land. Das Landesumweltamt hat darüber hinaus ein Merkblatt für den Schadensfall erarbeitet. Download unter www.lfu.brandenburg.de

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