Wer fürchtet sich vorm "bösen" Wolf?

19.05.2016

© Sabine Rübensaat

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Schäfermeister Knut Kucznik liebt klare Worte: „Schafe sind kein Wolfsfutter! Aber der Wolf gehört nun mal zur Natur, deshalb müssen wir unsere Herden schützen! Und diese Leistung muss die Gesellschaft bezahlen!“ Andreas Piela, Referatsleiter im Potsdamer Agrar- und Umweltministerium, bevorzugt eher leise Töne, aber auch seine Botschaft war unmissverständlich: „Den bösen Wolf aus dem Märchen gibt es nicht!“ Diese beiden Aussagen bildeten den Auftakt einer sehr informativen Veranstaltung zum Herdenschutz, die am zweiten Tag der BraLa im Forum der Brandenburghalle stattfand. Dazu eingeladen hatten der Landesbauernverband und der Schafzuchtverband. Die rege Teilnahme zeugte davon, dass mit dem spektakulär klingenden Motto „Wer fürchtet sich vorm bösen Wolf?“ ein außerordentlich interessantes Thema auf der Tagesordnung stand. Seit 2007 ist es akut, denn seitdem sind Wölfe in Brandenburg wieder sesshaft. Von der Niederlausitz aus zieht Isegrim weiter ins Landesinnere und in die benachbarten Bundesländer. Mit der steigenden Population ist naturgemäß eine Zunahme an Übergriffen auf Wild- und Haustiere verbunden. Bislang sind es 322 laut Referatsleiter Piela, der diese Zahl zugleich relativiert: „Bei rund jedem zweiten Fall gilt der Wolf als Verursacher bzw. ist nicht auszuschließen.“ Denn es kommen auch wildernde Hunde in Betracht. Zugleich wies er darauf hin, dass auf dem „Speiseplan“ des grauen Räubers hauptsächlich Reh, Dam- und Schwarzwild stehen. Der Anteil von Haus- und Nutztieren liege gerade mal bei einem Prozent. Der Wolf sei ein Opportunist bei der Nahrungssuche und gehe deshalb dorthin, wo Tiere am wenigsten geschützt seien, nämlich im Wald. Piela nutzte die Gelegenheit, um noch einmal deutlich zu machen: „Wir siedeln keine Wölfe an und rollen auch keinen roten Teppich für sie aus.“ Es handele sich stattdessen um die natürliche Rückkehr der Tiere in Gebiete, in denen sie noch vor rund 100 Jahren heimisch waren.

„Ich habe keine Lust, Wolfsfutter zu produzieren!“ Jens Schreinicke
Seinerzeit durften Wölfe gejagt werden, was dazu führte, dass sie Scheu vor dem Mensch hatten und sich zurückzogen. Heute ist Canis lupus nach internationalem Recht streng geschützt. Um Konflikte in diesem Prozess zu lösen, besser noch zu vermeiden, wurde speziell für Brandenburg ein sogenanntes Wolfsmanagement entwickelt und umgesetzt. Es setzt vor allem auf Aufklärung und Prävention, aber auch auf Schadensausgleich bei Wolfsrissen. Für den Schutz der Herden werden Fördermittel im Rahmen der Richtlinie „Natürliches Erbe“ bereitgestellt. Allerdings sind diese auf 15 000 € innerhalb von drei Jahren begrenzt. Finanzielle Unterstützung gibt es für die Anschaffung von Elektrozäunen und -geräten sowie Netzen, aber auch Herdenschutzhunden und den Betrieb von Nachtpferchen. Von 2008 bis 2015 wurden für derartige Maßnahmen im Land fast 600 000 € aufgewendet. Im Vergleich dazu belief sich der Ausgleich für tatsächliche Wolfsrisse auf knapp 92 000 €, informierte Piela.

„Wenn der Wolf nicht gestört wird, marschiert er noch durch unsere Dörfer!“ Brigitta Blume

Wie Schäfermeister Kucznik dazu anmerkte, hat sich der Einsatz von Herdenschutzhunden in Kombination mit dem Elektrozaun als wirksamste Methode erwiesen. „Der Zaun muss natürlich mindestens 90 cm hoch und stabil sein, mit Eckpfählen gesichert. Vor allem ist aber auch darauf zu achten, dass er jederzeit ordentlich unter Spannung steht.“ Kucznik machte deutlich, dass der Aufwand immens ist. Allein der Unterhalt eines Herdenschutzhundes kostet jährlich rund 1 000 €. Zwingend erforderlich ist der Einsatz von jeweils mindestens zwei Hunden. Dabei fallen erhebliche Kosten an, die jedoch nicht förderfähig sind. Aber die Prävention wirkt, wie die Zahlen zeigen. Doch gibt es Schäfer, die bislang nicht davon profitieren konnten, so Merk Mennle. Er betreibt Deichpflege auf 100 ha im Biosphärenreservat Elbe. „Ich habe Schafe verloren, warte aber immer noch auf das Gutachten, ob es sich tatsächlich um Wolfsrisse handelt“, berichtete er. Offen sei zudem, ob er Präventionsmittel beantragen könne. Seine Kosten beliefen sich auf mehr als 57 000 € für den Einsatz von Herdenschutzhunden und den Zaunbau.

Zu Wort meldete sich ebenso Jens Schreinicke aus Stücken im Landkreis Potsdam-Mittelmark. „Leider können auch wir Mutterkuhhalter nicht die Fördermaßnahmen zum Herdenschutz nutzen, denn die neue Richtlinie sieht das nicht vor. Ich habe aber keine Lust, Wolfsfutter zu produzieren!“ Schreinicke wies darauf hin, dass sich die Attacken auf Kälber häuften. Entgegen bisherigen Behauptungen dringe der Wolf auch in Mutterkuhherden und sogar Ställe ein. „Wie lange wollen wir uns das Märchen vom scheuen Wolf noch anhören?“ Brigitta Blume, Schaf- und Ziegenhalterin aus Lenzen in der Prignitz, pflichtete ihm bei. „Der Wolf ist ein Beutegreifer. Er verliert seine Scheu; wenn er nicht gestört wird, marschiert er noch durch unsere Dörfer.“ Was Referatsleiter Piela zu der Bemerkung veranlasste, dass es für solche Fälle die sogenannte Taskforce gebe. Sie soll beispielsweise dafür sorgen, das Problemtiere entnommen werden. Da freilich nur die Fachleute festlegen, welcher Wolf in diese Kategorie fällt, zeigten sich die Tierhalter eher skeptisch.

Darüber hinaus gibt es die Forderung, den Wolf ins Jagdrecht aufzunehmen, doch das weisen Naturschützer vehement zurück. Knut Kucznik will diese Diskussion nicht vertiefen. „Ich bin kein Jäger, sondern Hirte, der sich um seine Herde sorgt. Und als der erwarte ich, dass man mich und meine Berufskollegen unterstützt.“ Der Schafzuchtverband fordere daher eine zentrale Herdenschutzstelle, um schneller reagieren zu können. Zugleich sollen die Präventionsmaßnahmen erweitert werden. Auch Unterhalt und Ausbildung von Herdenschutzhunden muss gefördert werden. Zudem wären Hobbyhalter mit einzubeziehen. Und die Tierschutzhundeverordnung müsse angepasst werden. „Für Herdenschutzhunde eine Hundehütte zwingend vorzuschreiben ist absolut überflüssig und sogar kontraproduktiv“, meint Kucznik. Dringender Aktualisierungsbedarf besteht auch beim Wolfsmanagement. Die bisherige Vereinbarung soll im kommenden Jahr erneuert werden. Die Veranstaltung zum Herdenschutz dürfte dafür so manche Anregung gegeben haben. Wichtig sei, dass sich noch mehr Rinder- und Pferdehalter in die Diskussion einbrächten, meint Dr. Simon Harnisch, zuständiger Referent beim Landesbauernverband. „Wir wollen nicht, dass es irgendwann ein böses Erwachen gibt!“

Schadenshotline bei Wolfsübergriffen: Tel. (01 72) 5 64 17 00 (innerhalb von 24 Stunden)

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