Runder Tisch in Buchholz

18.11.2016

© Manfred Drössler

Klare Worte von Knut Kucznik: Die Prävention muss wieder absoluten Vorrang haben!

Die Gemütslage unter Brandenburgs Schäfern zum Thema Wolf ist alles andere als willkommensfreundlich. Die Schäfer bangen um ihre Tiere und fühlen sich von der Politik nicht ausreichend unterstützt. Jüngste Wolfsrisse beim Prignitzer Schäfermeister Marc Mennle mit dem Verlust von 24 Tieren (sechs gerissen, drei an Verletzungen eingegangen, 15 verschwunden), nicht einberechnet mögliches Verlammen, Flurschäden bei einem Landwirt (wir berichteten in der 42. Ausgabe) brachten das Fass zum Überlaufen, sodass der Schäferverein Prignitz zu einem landesweiten Runden Tisch „Wolf – wie weiter?“ nach Buchholz bei Pritzwalk einlud.


Viele der mehr als 80 Gäste, auch Rinder- und Pferdehalter, nahmen weite Wege in Kauf, um die Probleme öffentlich zu machen und von der Politik mehr Unterstützung zu fordern. Auch aus Sachsen, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg oder Niedersachsen fanden sich Tierhalter ein. Wer nicht kam, waren eingeladene Vertreter der Landesregierung. Die Schäfer reagierten enttäuscht und verärgert. Sie erwarteten Antworten und Hilfe von kompetenter Seite und fühlten sich nun allein gelassen.

 

Und wenn in der Herde Panik ausbricht?


Schäfermeister Knut Kucznik, Vorsitzender des Schafzuchtverbandes Berlin-Brandenburg, versuchte Sachlichkeit in die teils emotional geladene Diskussion zu bringen. „Wir wollen heute beraten, wie wir die Wiederansiedlung des Wolfs ertragen können.“ Alle Fakten und Probleme sollten gesammelt werden, um sie der Arbeitsgruppe Herdenschutz am 17. November vorzubringen und auch in das Wolfsmanagement einfließen zu lassen.


Das Landesumweltamt geht aktuell in Brandenburg von 19 Wolfsrudeln (fünf bis zehn Tiere) und drei Paaren in 24 Vorkommensgebieten zuzüglich weiterer fünf Suchräume aus – darunter die Prignitz. Insgesamt wird die Zahl auf 120 bis 140 Tiere geschätzt. „Wir leben in der Lausitz seit 15 Jahren mit den Wölfen und haben hier Rudel neben Rudel, sodass kein Platz mehr ist. Daher muss es eine Abschussregelung wie in Norwegen geben“, erklärte René Jyronimus, der mit dieser Forderung nicht allein stand. Maik Hahn betreibt mit seinen Schafen als „Grenzgänger“ Deichpflege in Sachsen und Brandenburg. Das neue Jahr fing für ihn mehr als schlecht an. „Am 1. Januar sammelte ich 13 tote Lämmer ein.“
„Als Halter müssen wir eigentlich dafür sorgen, dass keine Tiere aus der Weide herauskommen. Jetzt müssen wir uns wehren, dass keine Raubtiere eindringen“, meinte Lothar Pawlowski aus Karstädt. In seiner Rinderzucht GmbH wurde ein gerade geborenes Kalb gerissen. Weil ein Mitarbeiter den Kadaver entsorgte und der Rissgutachter keine DNA-Probe mehr machen und so nicht ermittelt werden konnte, dass es tatsächlich ein Wolf war, gab es keine Entschädigung. „Es waren Wölfe, denn wer frisst in wenigen Stunden 20 Kilo Fleisch?“, meinte Pawlowski. Offen bleibe auch, wer für Schäden aufkommt, wenn eine Herde in Panik ausbricht, Zaunanlagen niedertrampelt, auf Straßen oder Gleisanlagen läuft und Unfälle verursacht, fragte der Karstädter. „Es sind daher nicht nur Rissschäden, sondern auch Folgeschäden zu erstatten. Derzeit gilt eine Billigkeitsregelung, wir fordern einen Rechtsanspruch für geschädigte Tierhalter“, so Pawlowski, zugleich Vorsitzender des Kreisbauernverbands Prignitz. Täglich gebe es in Brandenburg im Schnitt zwei bis drei Wolfsrisse. In der Kritik stand auch die sogenannte De-minimis-Regelung, nach der Tierhalter mit einer Entschädigung von maximal 15 000 € innerhalb von drei Jahren rechnen können. Das sei zu wenig, hieß es. Ist der Schaden größer, muss der betroffene Tierhalter diesen selbst tragen. „Ein guter Bock kostet allein 5 000 Euro“, meinte ein Schäfer.


Kompliziert ist das Wolfsmonitoring. Eindeutig ist nur die Bestätigung „Biss Wolf“ zum Nachweis des Raubtieres. Der Vermerk des Rissgutachters „Wolf nicht ausgeschlossen“ gilt noch nicht als Wolfsbestätigung. Es müssen erst zehn „Wolf nicht ausgeschlossen“- Ereignisse registriert sein, bevor sie dem Raubtier zugeordnet werden können. Geld gibt es nur, wenn eindeutig nachgewiesen ist, dass Wölfe das Tier gerissen haben. „Man kann den Wolf nicht in Schach halten“, meinte ein Schäfer aus Niedersachsen und sieht nur den Abschuss als tragfähige Lösung. Der Wolf lerne dann schnell, dass er in bestimmten Habitaten bleiben müsse. Auch in Frankreich habe man jetzt das Gewehr rausgeholt.


Soweit wollte Knut Kucznik nicht gehen. Zwischen Ausrotten und befreundet sein gebe es ein breites Spektrum, dazwischen liege die Wahrheit, so Kucznik. „Das Land hat bis auf den Herdenschutz eigentlich alle Forderungen erfüllt. Daher muss die Prävention wieder absoluten Vorrang haben“, meinte der Verbandsvorsitzende. Und fügte lakonisch an: „Die Wölfe, die man uns vor Jahren versprochen hat – scheu, Angst vor Elektrozäunen und Menschen, sind nicht die Tiere, die wir heute erleben“.


Kucznik kritisierte, dass die im Januar rund 100 gestellten Förderanträge für besseren Herdenschutz noch nicht bearbeitet und bisher keine Bewilligungsbescheide einge-gangen seien. Zur Aufnahme des Wolfs ins Jagdrecht gingen die Meinungen auseinander. Dann müssten die Jagdpächter für Wolfsschäden haften, meinte Marc Mennle. Dankbar ist der Schäfer, dass er nach dem großen Wolfsschaden über eine Notfallmaßnahme drei Herdenschutzhunde erhielt – zwei durch das Landesumweltamt und einen über die Flächenagentur Brandenburg.


Einigkeit herrschte, dass Problemwölfe entnommen werden müssen. „Wildschweine und Waschbären haben wir nicht mehr im Griff, das darf uns mit dem Wolf nicht passieren“, unterstrich Pawlowski. Christina Stettin, Geschäftsführerin des Kreisbauernverbands Prignitz, brachte mit ihrer Frage das Problem auf den Punkt. „Wie viel Wolf verträgt Brandenburg, vertragen die Kulturlandschaften in der Uckermark, Lausitz und auch der Prignitz, ohne Schaden zu nehmen?“ Sie forderte Tierhalter und Verbände auf, ihre Interessen zu bündeln.


Wie Peter Kusel, Schaf- und Pferdehalter aus Lenzen, befürchten Schäfer und andere Tierhalter durch die erhöhten Aufwendungen und Schäden einen Rückgang der Schaf- und Weidehaltung. „Ich betreibe seit 25 Jahren extensive Weidehaltung. Sollte es mehrere Wolfsrisse geben, werde ich das aufgeben“, so der Lenzener. „Wir pflegen die Kulturlandschaft für kommende Generationen und wollen nicht in Konkurrenz mit dem Wolf leben. Die Situation ist beängstigend und kann die gesamte Weidehaltung kaputt machen“, betonte Wilfried Vogel, Vorsitzender Schäferverein Kurmark. Zugleich forderte er, die Debatte ehrlich zu führen.

 

Minister hat die Chance verpasst


„Die Weidehaltung darf durch den Wolf nicht behindert werden. Auch kann es nicht sein, dass Schäden nach Haushaltslage erstattet werden“, stellte Thomas Domres klar. Der Prignitzer Landtagsabgeordnete der Linken will die Themen Prävention und Rechtsanspruch auf Entschädigung beim nächsten Fachausschuss Landwirtschaft zur Sprache bringen. Er war wie sein Landtagskollege Gordon Hoffmann (CDU) und die Bundestagsabgeordnete Dr. Kirsten Tackmann (Linke) nach Buchholz gekommen, die ebenfalls ihre Unterstützung zusicherten.


„Unsere Herde ist unsere Arbeit, unser Lebenswerk, unser Stolz“, machte Knut Kucznik noch einmal deutlich. „Wir werden Minister Vogelsänger einen Brief schreiben und ihm deutlich machen, dass er die Chance verpasst habe, das Volk zu hören. Vielleicht fahren wir aber auch nach Potsdam, wie schon einmal, um unsere Forderungen kund zu tun.“

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