Protest gegen „Eierfabrik“

10.08.2016

Protest der Anwohner © Marcus Gansewig

Sanft streift der Wind über die Kornblumen am Wegesrand, wiegt leicht die Gräser dahinter und bringt die Blätter der nahen Bäume zum Wispern. Die Idylle an der Ausbau Siedlung in Zehlendorf ist in diesem Moment vollkommen – und trügt doch. Denn ein Streit ist um das Flurstück entbrannt, ein Streit, der seit Ende Mai immer mehr Fahrt aufnimmt und in dem Anwohner der Oranienburger Ortsteile Zehlendorf, Schmachtenhagen und Wensickendorf scheinbar unversöhnlich Landwirt Josef Vortallen gegenüberstehen. Denn der Emsländer plant auf einem Flurstück zwischen Zehlendorf und Schmachtenhagen – eben an der Ausbau Siedlung – eine große, für 2 x 21 000 Legehennen gedachte und streng nach den Vorschriften der Bio-Landwirtschaft betriebene Stallanlage.
„Der Markt schreit nach Bio-Eiern“, begründet Vortallen, der bereits im Emsland ähnlich große Anlagen betreibt, die Idee während eines Runden Tisches, zu dem neben Lokalpolitikern auch Anwohner und Mitglieder der Anfang Juni gegründeten Bürgerinitiative „Contra Eierfabrik Oranienburg“ im Landkreis Oberhavel geladen waren.


Die große Nachfrage nach Bio-Eiern bezweifeln die Mitglieder der Bürgerinitiative  nicht, die Versprechungen Vortallens und seine Pläne indes schon. „Der […] runde Tisch zu den geplanten Legehennenanlagen in Zehlendorf und Wensickendorf war für die Bürgerinitiative […] eine glatte Enttäuschung. Die Befürchtungen der Bürgerinitiative, dass die Investoren die geplanten Anlagen schrittweise beantragen wollen, um eine aufwendige Umweltverträglichkeitsprüfung zu umgehen, haben sich bestätigt“, heißt es in einer Pressemitteilung.

 

Ängste sind groß


Der Vorwurf der Bürgerinitiative: Aufgrund der Splittung der Anlage könnte womöglich eine Umweltverträglichkeitsprüfung umgangen werden, die für Anlagen mit einem Besatz ab 40 000 Hennen durchaus mit dem notwendigen  immissionsschutzrechtlichen Genehmigungsverfahren mit Öffentlichkeitsbeteiligung einhergehen kann. Doch genau vor den möglichen Emmissionen haben die Anwohner Angst. Lärm-, Geruchs- und Staubbelästigungen sind es, die insbesondere die Bewohner der Ausbau Siedlung befürchten, die nur 370 Meter vom geplanten Standort der Anlage entfernt wohnen. Und wie sehe es mit der Grundwasserbelastung aus, forderte ein Anwohner während des ­Runden Tisches Aufklärung über ein weiteres Problem.

 

Offene Diskussion?


Ängste, die Vortallen nicht fremd sind. Auch deswegen ließ er die möglichen Belastungen durch das Planungsbüro Eco-Cert über­prüfen. Das Fazit von Christiane Zimmermann vom Planungsbüro: „Aus Gutachtersicht ist ­eine Umweltverträglichkeitsprüfung nicht notwendig.“ Keine gesetzlichen Grenzwerte würden überschritten. Dennoch: „Wir hatten darauf gesetzt, dass es eine offene Diskussion geben würde. Stattdessen haben wir eine Verkaufsveranstaltung erlebt“, zeigte sich Heike Bartel, Mitglied der Bürgerinitiative, enttäuscht. Zudem steht ein weiterer Vorwurf im Raum – nicht nur dank eines großen Transparents an einer Landesstraße. Die Forderung „Keine grausame Massentierhaltung in OHV“ prangt in großen Lettern auf einem Trans­parent an der Straße zwischen Schmachtenhagen und Zehlendorf, dort, wo es jeder lesen kann – auch Vortallen. „Das machen wir nicht“, ging er während des Runden Tisches direkt auf die Vorwürfe ein und führte aus: „Tierschutz besitzt bei der Biohaltung so­wieso hohe Standards.“ Und er versprach: „Da werden wir uns aber noch weit drüber bewegen.“

 

Skepsis bleibt


Extra Wintergärten mit einer Verdoppelung des gesetzlich vorgeschriebenen Platzangebots für die Hühner, zusätzliche Schar-Räume, grüne Weiden sollen den Hennen das Leben erleichtern.  


Die Skepsis der Anwohner aber konnten die Ausführungen nicht vertreiben. „Wir wollen keine Massentierhaltung, nirgendwo“, bekannte sich Kerstin Kramer aus Wensickendorf, die sich gemeinsam mit weiteren Bürgern, die nicht zur Bürgerinitiative gehören, vor Beginn des Runden Tisches spontan zu einer Demonstration vor dem Bauernmarkt in Schmachtenhagen eingefunden hatte, eindeutig gegen das Projekt. Zumal Anwohner und Bürgerinitiative aufgrund der neuen Großanlage negative Einflüsse auf die regionale Tourismusbranche befürchten, die sich zum großen Teil über die zahlreichen Pferdehöfe und ein Naturschutzgebiet in der nahen Umgebung definiert. Unterstützung bekamen sie in ihrer Ablehnung von den Stadtverordneten Oranienburgs, die sich einstimmig gegen das geplante Projekt aussprachen.


Und auch wenn sich Josef Vortallen anschließend zu den Belangen der Anwohner und Nachbarn bekannte und vollkommene Transparenz vor und während des möglichen Betriebs der Anlage versprach, scheint eine ländliche Idylle nach wie vor in weiter Ferne.

 

 

Klare Ansage der Anwohner vor dem Oberhavel Bauernmarkt (l.). Wenig später kam dort der Runde Tisch zusammen, auf dem Josef Vortallen (r.) das Projekt erläuterte und verteidigte.
Foto: Marcus Gansewig

 

 

 

 

 

Aus dem Positionspapier der Bürgerinitiative:
1. Die Bürgerinitiative möchte die Errichtung von Biolegehennen-Anlagen in Zehlendorf und Wensickendorf, Ortsteile der Stadt Oranienburg, verhindern.
2. Wir betrachten Massentierhaltung jeglicher Form als nicht zeit­gemäß und dem Tierwohl unzuträglich, auch wenn diese unter dem Deckmantel einer Bio-Haltung erfolgt.
3. Wir sind der Ansicht, dass die Gemeinde Oranienburg ihr Einvernehmen zur Errichtung der Anlagen auf ihrem Gebiet entziehen sollte. Eine Entziehung ist durch fachliche Argumentation legitim und sollte nicht ersetzt werden.
4. Das Landesumweltamt soll ein Genehmigungsverfahren mit UVP-Plicht anstreben. Die Öffentlichkeit und alle Institutionen, die durch das Vorhaben berührt werden, sollten bei der Entscheidungsfindung, ob Anlagen errichtet werden oder nicht, einbezogen werden. Besonders zu nennen sind hier die Be­lange der menschlichen Gesundheit, des Tierwohls und des Naturschutzes.
5. Solche Anlagen können nur wenige Arbeitsplätze schaffen und gefährden bestehende Arbeitsplätze, beispielsweise im Tourismus. Eine Weiterentwicklung einer Region, die durch solche Anlagen betroffen ist, scheint im Bereich Tourismus und Erholung als aussichtslos. Das privatwirtschaftliche Interesse sollte nicht über den Interessen der Allgemeinheit stehen.

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