Melken? Kann ich!

05.09.2016

© Wolfgang Herklotz, Manfred Drössler

Melken? Kann ich! Milchkönigin Julia Wittich

Ist es in der aktuellen Milchkrise nicht ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt, als Milchkönigin zu amtieren?
■ Einerseits ja, denn für die Milchbauern ist die aktuelle Situation außerordentlich schwierig. Während meines Studiums arbeite ich tageweise in der Agrargenossenschaft Sonnewalde. Da kriege ich sozusagen hautnah mit, wie es ist, fleißig Milch zu erzeugen und Tag für Tag Verluste einzufahren. Andererseits sehe ich dieses Amt auch als eine Chance.

Eine Chance wofür?
■ Viele glauben, dass eine Milchkönigin nur dafür da ist, sich mit Politikern ablichten zu lassen und in die Kameras zu lächeln. Dabei geht es doch in erster Linie darum, bei Messen und weiteren Veranstaltung für die Milch aus heimischen Ställen zu werben. Und klarzumachen, dass deren Herstellung verdammt harte Arbeit ist, die einfach mehr Wertschätzung verdient. Trotz moderner Melktechnik, von Robotern mal abgesehen, ist immer noch viel Handarbeit im Spiel. Euter reinigen und dippen, Melkzeug anund absetzen – es sind jedesmal unzählige Handgriffe fällig. Da merkt man zum Schichtende ganz genau, was man gemacht hat.

Sie sprechen aus eigener Erfahrung?
■ Ich habe bereits als Praktikantin im Betrieb gearbeitet. Zudem war ich ein halbes Jahr auf einer Dairyfarm in Neuseeland, da wurde auch beim Melken jede Hand gebraucht. Neulich musterte mich jemand von oben bis unten und meinte dann: Sie können gut reden, aber können Sie auch melken? Da habe ich freundlich geantwortet: Ja, das kann ich!

Wo rührt Ihr Interesse an der Landwirtschaft her? Sie sind doch nicht auf dem Land, sondern in der Stadt Doberlug-Kirchhain aufgewachsen.
■ Zu Hause hatten wir schon immer Tiere, sodass schon als Kind mein Interesse daran geweckt war. Außerdem bewirtschaften wir ein kleines Stück Acker, auf dem wir Gemüse, darunter Mohrrüben, aber auch Kartoffeln anbauen.

Ich tippe mal darauf, dass die alte Kartoffelsorte Adretta auf dem Anbauplan steht.
■ Die hatten wir früher. Heute sind es Sorten wie Afra und Birgit.

Wie kam es eigentlich zum Entschluss, sich vor wenigen Monaten für das Amt der Milchkönigin zu bewerben?
■ Die Idee stammt nicht von mir. Mein Dozent von der Berliner Humboldt-Uni hat mich darauf angesprochen. Er meinte, dass ich als Brandenburgerin, so verwurzelt wie ich sei, das Zeug dazu hätte. Und das Fachwissen eben auch. Da musste ich erst einmal in Ruhe darüber nachdenken. Aber dann habe ich mir gesagt: Warum eigentlich nicht?

Ja, warum eigentlich nicht?
■ Weil es mich wurmt, wenn bei Gesprächen unter meinen Bekannten immer wieder die alten Vorurteile in Sachen Landwirtschaft hochkommen. Als ob die immer noch nach dem FKK-Prinzip, also Forke-Karre-Kiepe, abläuft! Da muss ich einfach gegenhalten, und nun bieten sich für mich ganz andere Möglichkeiten. Außerdem habe ich die Chance, interessante Leute kennenzulernen. Wer weiß, ob das später nicht noch einmal nützlich sein kann?

Welche Auftritte standen bisher an?
■ Ich war zuerst auf Brandenburgs Landwirtschaftsausstellung, der BraLa, dann ging es zur Eröffnung der Brandenburger Landpartie auf das Gut Neu Sacro und schließlich zur 22. Prignitzer Tierschau in Blüthen (siehe Foto).

Gab es besondere Eindrücke?
■ Mich hat besonders bei der Tierschau fasziniert, mit welcher Begeisterung gerade die jüngsten Züchter bei der Sache sind. Sie marschierten schon so souverän durch den Ring, angefeuert von ihren Eltern und Freunden. Da merkte man, dass die Steppkes schon Landwirtschaft im Blut haben. Ich war stolz, anschließend die Pokale und Preise mit übergeben zu können.

Negative Erlebnisse gab es nicht?
■ Nein, von der Eröffnung der BraLa mal abgesehen. Dort hielten drei, vier junge Leute in albernen Kostümen Plakate hoch, um gegen die sogenannte Massentierhaltung zu protestieren. Ich dachte, hoffentlich kennst Du keinen von denen. Es hat mir dann imponiert, wie Bauernverbandspräsident Wendorff auf die Leute zuging und in ruhigen Worten klarmachte, was er von ihrem Anliegen hält. Ich habe mir gesagt: So was musst Du noch lernen!

Haben Sie Lampenfieber?
■ Ja, natürlich. Aber es wird mit jedem Mal ein bisschen weniger. Eigentlich bin ich kein Typ, der gern im Mittelpunkt steht. Aber wenn ich von einer Sache überzeugt bin, kann ich meine Scheu auch überwinden.

Was sagen Sie jenen, die die Ursachen der Milchkrise bei den Landwirten sehen, weil diese einfach zu viel Milch produzieren?
■ Da könnte ich gleich in die Luft gehen, wenn ich so etwas höre, aber das hilft ja nicht weiter. Die Gesellschaft will ebenso hochwertige wie preiswerte Lebensmittel. Darauf haben sich die Milchbauern eingestellt, indem sie ihre Produktion so effektiv wie möglich organisieren und auch das züchterische Potenzial nutzen. Höhere Milchleistungen sind folgerichtig das Ergebnis.

Wenn jedoch weniger Milch auf den Markt kommt, dürften sich die Preise wieder stabilisieren.
■ Das glaube ich nicht, weil der Milchmarkt ein globaler ist. Wenn in Deutschland weniger Milch erzeugt wird, profitieren andere Länder davon. Es müsste schon weltweit die Produktion gedrosselt werden, was nicht funktioniert. Auf der anderen Seite gibt es Länder insbesondere auf dem afrikanischen Kontinent, wo Kinder hungern und die Milch als wichtigstes Lebensmittel noch gestreckt wird. Das passt doch nicht zusammen.

Was also tun in dieser Misere?
■ Es ist allerhöchste Zeit, dass die Politik ein Machtwort spricht. Sie muss den Lebensmitteleinzelhandel in die Schranken weisen, damit der nicht weiter so schamlos Milchprodukte verramschen kann. Wenn sich das Preisniveau normalisiert, stehen die Betriebe nicht mehr unter solchem Druck wie jetzt. Anderenfalls werden noch mehr die Milchproduktion aufgeben, was sich aber auf die Menge nicht so auswirken dürfte. Denn die leistungsfähigsten Milchkühe wechseln dann nur den Betrieb!

Sind Leistungen von 11 bis 12 000 Kilogramm Milch je Kuh und Laktation so erstrebenswert?
■ Man darf nicht vergessen, dass die Tiere auf Leistung gezüchtet sind. Die kann man sicherlich reduzieren, durch die Fütterung beispielsweise. Um die Versorgung zu sichern, muss aber eine bestimmte Menge an Milch gesichert werden. Ist es sinnvoll, dies mit mehr Kühen bei durchschnittlicher Leistung oder mit weniger Kühen mit hoher Leistung zu tun? Im ersten Fall wird dann mehr Futter benötigt, aber auch der Methanausstoß ist größer, weil der mit steigender Leistung abnimmt. Ich finde, diese Frage muss in der Gesellschaft diskutiert werden. Die Lösung darf nicht den Landwirten überlassen werden.

Wie läuft es im Studium?
■ Ich sitze gerade über meiner Bachelor-Arbeit, die sich mit der Kuhgesundheit nach der Kalbung beschäftigt. Die Untersuchungen habe ich in der Agrargenossenschaft anstellen dürfen, die mich dabei sehr unterstützt. Wenn alles nach Plan läuft, werde ich mit der Arbeit Ende September fertig. Ansonsten habe ich jetzt mein Masterstudium begonnen, das sich mit dem Prozess- und Qualitätsmanagement beschäftigt. Ich möchte auch diesen Studiengang straff durchziehen.

Wie soll es danach weitergehen?
■ Im Moment konzentriere ich mich ganz aufs Studium und mein Amt. Aber dass ich wieder nach Brandenburg zurückkomme, steht fest. Und dass ich den Job in Sonnewalde gern weiter machen würde. Aber mindestens an fünf Tagen in der Woche.

Die Fragen stellte Wolfgang Herkotz.

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