Isegrim schlug wieder zu

06.11.2014

© Wolfgang Herklotz

In jüngster Zeit gab es gleich mehrere Wolfsattacken auf Mutterkuhherden in den Belziger Wiesen.

Die grauen Räuber kamen in der Nacht. Als Peter Kernchen am nächsten Morgen nach seinen Mutterkühen sah, glaubte er seinen Augen nicht zu trauen. Er stand vor den Überresten eines Kalbes, das ganz offensichtlich von einem Wolf gerissen worden war. Weitere Tiere waren verletzt, wiesen Kehl- und Keulenbisse auf. „Das darf doch alles nicht wahr sein“, entfuhr es dem  Landwirt.  Dass sich ein Rudel Wölfe auf dem benachbarten Truppenübungsplatz aufhielt, war zwar kein Geheimnis.  Doch bislang hatte sich Isegrim noch nicht im Beisein der äußerst wehrhaften Mutterkühe  auf die eingezäunte Weide getraut. Eine Ausnahme?

Darauf wollte sich Kernchen nicht verlassen. Er stellte Scheinwerfer und Lautsprecher auf, installierte eine Schaltuhr. In  Abständen ertönte nun nächtliche Radiomusik auf dem Weidegelände. Nur wenige Tage später gab es  die nächste Attacke, diesmal auf der Nachbarweide. Von einem Jungrind blieben hier nur noch Reste von Pansen und vom Darmtrakt übrig. Voller Entsetzen nahm’s der Landwirt zur Kenntnis, um dann seine Abschreckungsmaßnahmen noch zu verstärken.  Zumal mittlerweile ein drittes Kalb an den Verletzungen  gestorben war. Vor Mitternacht und zwischen drei und vier Uhr morgens ging er nun mit dem Auto auf Kontrollfahrt. Die jeweils 20 Kilometer ausmachte. Wenn er sah, dass die Herde nicht ihre typische Abwehrstellung eingenommen und sich zu einem Ring formiert hatte, fuhr er etwas erleichtert wieder nach Hause. Doch die Nacht war dahin und die Sorge weiter groß.  

Die Übergriffe auf die Mutterkuhherde des 55-jährigen Landwirts sind keine Einzelfälle in der Region. Vier davon gab es seit April dieses Jahres allein in den Belziger Landschaftswiesen. Hier wirtschaften rund drei Dutzend Rinderhalter, die sich nun mehr denn je um die Sicherheit ihrer Tiere sorgen.   

Was ist sofort zu tun, um weitere Wolfsrisse zu verhindern? Wo brauchen  die Tierhalter Unterstützung? Diese Fragen standen im Mittelpunkt einer Gesprächsrunde vergangene Woche auf dem Hof von Peter Kernchen in Trebitz mit Berufskollegen und Vertretern des Landesbauernverbandes sowie Mitarbeitern des Potsdamer Umweltministeriums. Andreas Piela, Referatsleiter Arten- und Biotopschutz, verwies auf den Wolfsmanagementplan, der eine Beratung mit betroffenen Landwirten vorsieht, wenn es Probleme gibt. Dieser Fall sei jetzt eingetreten. „Wir müssen sofort reagieren, damit die Wölfe sich gar nicht erst daran gewöhnen, weitere Kälber zu reißen.“

Für Steffen Butzeck vom Landesamt für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz besteht eine entscheidende Präventionsmaßnahme darin, Strom führende Zäune zu installieren, die mit mehreren Litzen sowie Flatterbändern ausgestattet und mindestens 105 cm hoch sind. „Da muss ordentlich Saft drauf sein, damit dem Wolf gleich beim ersten Stromschlag die Lust am Räubern vergeht.“ Licht und Lärm seien ebenso hilfreich wie regelmäßige Kontrollen, aber auch der Einsatz von Esels-hengsten und Herdenschutzhunden sollte geprüft werden, so Butzeck. Was die Landwirte nicht einfach so hinnehmen konnten. „Wir können doch nicht unsere gesamten Weideflächen einzäunen! Wer soll denn das bezahlen?“ hieß es und: „Mit Herdenschutzhunden lassen sich sicherlich Schafherden schützen, Mutterkühe aber nicht“. Butzeck gab zu bedenken, dass die Arbeitsgemeinschaft für Herdenschutzhunde durchaus Chancen für einen erfolgreichen Einsatz sieht. Zudem sei auch nicht erforderlich, das gesamte Areal einzuzäunen, sondern lediglich die Herbstweide- und jene Flächen, auf denen die Tiere in den Monaten von Oktober bis April untergebracht sind. „Denn  die Wolfsrisse finden vor allem in diesem Zeitraum statt, weil die Futtersuche für den Nachwuchs im Vordergrund steht.“

Fragen über Fragen

Was aber, wenn die vom Wolf aufgeschreckte Herde ausbricht und die Versicherung nicht für den Schaden aufkommt? Wie ist mit Problemwölfen umzugehen, die sich nicht abschrecken lassen? Warum dauert es mitunter so lange, bis die Entschädigung bei Wolfsrissen gezahlt wird? Fragen über Fragen, die die Landwirte bewegen. Laut Referatsleiter Piela ist es legitim, Problemwölfe zu „entnehmen“. Eine Entschädigung bei Wolfsrissen werde nach Prüfung möglichst rasch gezahlt, Verzögerungen gebe es, wenn Unterlagen nicht komplett seien. Trotz Unklarheiten bei der EU-Förderung werden Präventionsmaßnahmen weiter unterstützt, versicherte Piela. Er versprach,  dass man sich des Themas Versicherung annehmen und auch um Hilfe beim Zaunbau kümmern werde. „Wichtig ist uns, dass wir solide einzelbetriebliche Lösungen hinbekommen.“

Ohne Verzug?

Dem diente auch eine weitere Runde am Montag mit Landwirten aus dem Spreewald. Wie das Umweltministerium in einer Pressemitteilung versicherte, sollen die Gespräche mit den Landwirten zu wirksamen Sofortmaßnahmen führen. „Auf die spezielle Situation in den Landwirtschaftsbetrieben  zugeschnittene Schutzlösungen werden gemeinsam mit den Rinderhaltern ohne Verzug umgesetzt“, hieß es. Prävention ist jetzt das Wichtigste, betonte auch Prof. Matthias Freude, Präsident des Landesumweltamtes. „Die Wölfe dürfen sich nicht an Kälber als Nahrung gewöhnen.“  
Der Landesbauernverband sieht die in Trebitz diskutierten Präventionsmaßnahmen eher skeptisch. „Wenn eine Mutterkuhherde  von Wölfen aufgeschreckt wird und durchgeht, nützt auch ein Elektrozaun nichts mehr“, machte Referent Matthias Schannwell deutlich. Viel wichtiger sei für die betroffenen Tierhalter ein Rechtsanspruch auf vollständigen Ausgleich für alle Schäden und zusätzlichen Aufwendungen (siehe auch Seite 8).

Kritisch äußerte sich auch der Bauernbund, der als einzige Organisation den Wolfsmanagementplan der Landesregierung vor zwei Jahren abgelehnt hatte.  „Das Beteiligungsverfahren ist eine Farce, weil von vornherein fest stand, dass sich der Wolf ungehindert ausbreiten soll“, so Bauernbund-Vorstandsmitglied Lutz-Uwe Kahn, Nebenerwerbslandwirt aus Kleßen im Havelland. Das Umweltministerium sei weder in der Lage, den Tierhaltern flächendeckend wolfssichere Zäune zu finanzieren noch eine dauerhafte Entschädigung zu sichern.

Kernchen bewertet dennoch die jüngste Runde als richtigen Schritt. „Das Umweltministerium hat uns rasche Hilfe zugesagt, die werden wir einfordern.“ Für die Landwirte aus den Belziger Wiesen bleibt aber nach wie vor offen, wie viele Wölfe das Land ertragen kann – und will.

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