Existenzen in Gefahr

19.09.2016

© Sabine Rübensaat

■ Jutta Quoos, Vorsitzende des Brandenburger Landfrauenverbandes, ist Geschäftsführerin der Fließgrund Agrarproduktion GmbH Schönewalde.

Am vergangenen Wochenende fand das Brandenburger Dorf- und Erntefest statt. Was gab es in diesem Jahr zu feiern?
■ Dass wir unter widrigen Bedingungen wieder die Ernte eingefahren haben und die Bevölkerung weiter mit hochwertigen Lebensmitteln versorgen können. Das zu feiern ist eine Tradition, die es zu pflegen gilt – trotz der großen Ausfälle, die regional zum Teil immens sind.

Zwar liegen die Erträge im Mittel nur leicht unter dem Vorjahresniveau, dafür sind die Erzeugerpreise in den Keller marschiert. Laut Landesbauernverband sind viele Betriebe hierzulande in ihrer Existenz bedroht. Sehen Sie das auch so?
■ Ja, betroffen sind vor allem Milchviehbetriebe. Solange sie den Preisverfall bei der Milch mit den Einnahmen aus dem Pflanzenbau kompensieren konnten, ging das noch. Aber das hat schon im vorigen Jahr nicht funktioniert und setzt sich nun fort. Das geht bedrohlich an die Substanz, wie wir nicht nur in unserem Betrieb in Schönewalde im Landkreis Elbe-Elster feststellen müssen.

Wo sehen Sie die Ursachen für die Milchpreismisere? Haben die Landwirte nicht auch einen Anteil daran?
■ Diese Frage höre ich immer wieder, ich kann sie nur entschieden verneinen. Im Unterschied zu Ländern wie Irland, Holland und Polen ist die Milchproduktion in Deutschland rückläufig. Die Milch wird schon wieder gesucht, leider wirkt sich das kaum auf den Preis aus. Nicht die Erzeuger am Ende der Kette sind die Verursacher des Problems, sondern der Lebensmitteleinzelhandel, der seine Marktmacht aufs Schändlichste missbraucht und mit Dumpingpreisen versucht, Verbraucher anzulocken, um die Konkurrenz auszuschalten. Und die Molkereien achten auch erst einmal streng darauf, ihre Kosten zu decken. Sie feilschen um jeden Cent. Ich weiß, wovon ich rede, denn ich sitze im Aufsichtsrat einer Milchliefergenossenschaft.

Jutta Quoos, Vorsitzende des Brandenburger Landfrauenverbandes, ist Geschäftsführerin der Fließgrund Agrarproduktion GmbH Schönewalde. © Wolfgang HerklotzWas raten Sie insbesondere Betrieben mit Milchviehhaltung? Was kann, was muss die Politik dazu beitragen, dass Brandenburg als Milchstandort erhalten bleibt?
■ Ich habe keinen Rat, ebenso wenig wie meine Berufskollegen, mit denen ich oft zusammensitze. Wir überlegen, was wir in dieser Situation tun können. Es läuft immer auf die Frage hinaus, wie lange wir unsere Milchkühe noch halten können. Die Kühe abschaffen? – Letzte Wahl. Die Milchproduktion stellt man doch nicht so einfach ab wie ein Förderband. Fest steht nur, dass wir unter solchen Bedingungen ein drittes Jahr nicht überstehen können. Die Politik, namentlich Bundesminister Schmidt, muss sich endlich erklären, ob man am Milchstandort festhalten will. Oder stillschweigend eine Marktbereinigung hinnimmt.

Sie haben auf dem Bauerntag im Frühjahr die aktuelle Situation mit jener zu Anfang der 90er-Jahre verglichen. Sehen Sie das nicht etwas zu pessimistisch?
■ Auch damals mussten wir uns die Frage stellen, wie es weitergehen soll. Allerdings hatte damals die Landwirtschaft noch einen anderen Stellenwert als heute, fand mehr Akzeptanz in der Gesellschaft, aber auch in der Politik. Die nimmt unsere Probleme heute gar nicht mehr zur Kenntnis, bürdet uns zudem wortlos auch noch den Schaden durch das Russland-Embargo auf und lässt den Lebensmitteleinzelhandel schamlos agieren. Und die Wissenschaftler sind ratlos. Sie glänzen nur mit Wissen darüber, was alles nicht geht. So hat es die BauernZeitung in ihrer Ausgabe 33 kommentiert und damit den Nagel auf den Kopf getroffen. Ich vermisse bei allem den Bezug zu dem, was in der Realität stattfindet. Und wünsche mir, dass die Entscheider und Vordenker einmal vier Wochen mit uns tauschen und in der Landwirtschaft arbeiten.

Ist aber letztendlich nicht jeder Betrieb selbst gefordert, um Liquidität zu sichern? Welche Maßnahmen haben Sie ergriffen, um Ihr Unternehmen stabil auf Kurs zu halten?
■ Wir tun das, was viele andere Betriebe auch tun. Wir besprechen uns mit unseren Beratern, wirtschaften so sparsam wie möglich, investieren nur in das Allernotwendigste. Aber kompensieren können wir damit die Verluste bei Weitem nicht. In so einer Situation nimmt man auch das Hilfspaket an und akzeptiert zähneknirschend, dass man, um in den Genuss von 10 000 Euro zu kommen, sogar noch ein Darlehen aufnehmen muss. Das ist irrwitzig, verschafft aber ein bisschen Luft zum Atmen.

Das Potsdamer Agrarministerium macht Softwareprobleme für die verspätete Zahlung von Beihilfen verantwortlich. Wie bewerten Sie das?
■ Das ist absolut inakzeptabel. Die Betriebe haben ja auch ohne Wenn und Aber den Anforderungen der Agrarförderung zu entsprechen. Wir haben die Anträge fristgerecht eingereicht und sind unserer Verantwortung gerecht geworden. Und die Verantwortung der höheren Ebene? Ich kann nicht verstehen, wie gerade in so einer schwierigen, für die Brandenburger Landwirtschaft existenzbedrohlichen Zeit so etwas ein Hemmnis sein kann.

Immerhin soll es ein zweites Hilfspaket geben, bei dem Bund und Länder auf die Gelder aus Brüssel noch draufsatteln.
■ Fragt sich nur, wie viel davon in unseren Betrieben ankommt und noch dazu, wann. Wenn die Gelder erst im nächsten Jahr eintreffen, ist keinem geholfen. Ich bin es leid, immer wieder solche Formulierungen wie die von der Landwirtschaft als dem Rückgrat des ländlichen Raums zu hören. Das sind Lippenbekenntnisse, die endlich eingelöst werden müssen. Es geht um den Erhalt des ohnehin schon niedrigen, schrumpfenden Rinderbestandes und vor allem um Arbeitsplätze.

Es kostet sicherlich viel Kraft, all die Jahre auch Verantwortung für den Landfrauenverband zu tragen. Haben Sie noch Lust am Streiten?
■ Aber ja. Man muss benennen, was nicht in Ordnung ist. Sonst wäre ich ja fehl am Platz.

Die Fragen stellte Wolfgang Herklotz

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