Eine Herde mit Temperament

19.09.2014

© Marcus Gansewig

Der Sieger des Landeshütens, Rainer Schulze aus Schöneweide (l.), nimmt auf der Bühne die Glückwünsche von Knut Kucznik aus Altlandsberg, dem Zweitplatzierten des Wettbewerbes, entgegen.

Eine Stimme hallt laut und bestimmt über die mit einem feinen Nieselregen überzogene Weide. Sie übertönt die von Ferne her erklingende Musik, die Gespräche unter den Zuschauern und auch das Blöken der Schafe. Trotz dieser Widrigkeiten und dem scheinbaren Unwillen der Schafe ist in ihr keine Spur von Unruhe oder Verzagen zu hören.

„Diese Geduld und Ruhe ist sehr wichtig für einen Schafhirten“, erklärt Dr. Michael Jurkschat von der Lehr- und Versuchsanstalt für Tierzucht und -haltung (LVAT), Groß Kreutz, der am vergangenen Sonnabend als Moderator das Landesleistungshüten im Rahmen des 11. Brandenburger Dorf- und Erntefestes kommentierte.

Und es schwingt so etwas wie Bewunderung in seinen Worten mit. Bewunderung für die Leistung von Knut Kucznik und seinen Hunden, die als letztes von vier Hüteteams an diesem Tag in Fürstlich Drehna auf die Wettkampfweide mussten – und zwar mit einer Herde durchaus eigenwilliger Tiere, wie Jurkschat zugab: „Sie sind schon sehr temperamentvoll.“

Aus für Bundessieger

Dieses besondere Temperament hatten zuvor schon zwei Mitbewerber am eigenen Leib leidvoll erfahren müssen – unter ihnen der amtierende Bundessieger Sven Holland, der den Wettkampf aufgrund des Unwillens der Schafe frühzeitig abbrach. „Da fühlt man sich schon etwas verarscht“, kommentierte er mit drastischen Worten sein vorzeitiges Aus. „Das ist schon total schlimm, wenn der Bundessieger aufgeben muss“, bestätigte auch Kucznik. Doch der Vorsitzende des Schafzuchtverbandes Berlin-Brandenburg aus Altlandsberg war dennoch voll des Lobes für Holland. „Die Aufgabe war eine sehr verantwortungsvolle Handlung. Er hat nicht auf Biegen und Brechen versucht, den Wettbewerb durchzubringen, sondern hat mit Rücksicht auf die Schafe Schluss gemacht.“

Als Einheit präsentiert

Kucznik geriet daher trotz der vorzeitigen Aufgabe von zwei Startern ins Schwärmen: „Für die Hüter Brandenburgs ist das ein großer Tag gewesen.“ Und lieferte noch einmal die Erklärung hinterher: „Wir haben uns als Schäfer als Einheit von Hirte, Hund und Herde gezeigt.“

Das galt auch für die beiden Schäfer, die den Wettbewerb beendeten. Kucznik selbst hatte am Ende allerdings das Nachsehen und musste seinem Kollegen und Freund Rainer Schulze aus Schöneweide den Vortritt lassen. „Ich hätte schon gerne gewonnen, denn ich war noch nie Landessieger“, gab der Landesvorsitzende zu, hatte seine Enttäuschung aber genauso gut im Griff wie zuvor die Herde. „Ich gönne es Rainer total.“

Überhaupt besticht das Verhältnis der Schäfer untereinander durch Kollegialität und Freundschaft. „Wir sind schon eine einzigartige Truppe mit tollen Typen“, lobt
Kucznik. Während des Wettkampfes aber schiebt er diese Gedanken beiseite, denn die Komplexität der Aufgaben lässt keine Ablenkung zu. „Bei solch einem Hütewettbewerb konzentrieren sich sämtliche Schwierigkeiten eines ganzes Jahres auf eine Stunde“, beschreibt er die Schwere der Prüfungen bei den einzelnen Elementen des Hütens.

Und wie immer war dabei die Herde selbst die größte Aufgabe für die Hirten. Jurkschat erklärt: „Die Schwierigkeit ist die fremde Herde, die die Hunde nicht kennt.“ Anderer Hirte, andere Hunde – da waren die etwa 250 Tiere der Herde nicht leicht zu hüten. Und dennoch verlor keiner der Schäfer die Nerven. „Man muss sich zurücknehmen und nie die Schafe beschimpfen“, sagt Knut Kucznik und bricht eine Lanze für seine nervenstarke Zunft: „Wir sind für die Landwirtschaft ein Vorzeigeobjekt. Unseren Schafen weht der Wind noch unter dem Bauch. Ich bin stolz auf diesen Beruf.“

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