Einbruch mit fatalen Folgen

19.09.2018

© Wolfgang Herklotz

Unter Beobachtung stehen diese Tiere, die ebenfalls auf nächtlicher Wanderschaft waren und erkrankt sind. Sie werden separat gehalten, bekommen Heu als „Diät“ und Injektionen, um den Pansen zu stabilisieren.

Noch bewegt sie sich, die Kuh mit der Ohrmarke 48214. Den Kopf kann sie zwar drehen, doch aufzustehen geht über ihre Kräfte. „Sie quält sich, wir müssen sie von ihren Schmerzen erlösen“, sagt Anja Schiemann. Der Geschäftsführerin der Liebenwalder Agrar GmbH fällt diese Entscheidung nicht leicht. Denn sie bedeutet für den Betrieb im Landkreis Oberhavel, binnen weniger Tage bereits die siebte Kuh zu verlieren. „Wir befürchten, dass noch mehr Tiere das gleiche Schicksal ereilt.“

 

Tierarzt konnte nicht mehr helfen

 

Auslöser war die nächtliche Aktion eines oder mehrerer Unbekannter, die vom 8. zum 9. September in die Anlage eingedrungen waren und die Rinder freigelassen hatten. Diese marschierten über das Betriebsgelände und verschafften sich Zugang zum Getreidelager, wo Kraftfutter lagerte. Ein Teil der Tiere machte sich darüber her. Als der für die Fütterung zuständige Mitarbeiter gegen 2.30 Uhr zur Frühschicht eintraf, merkte er sofort, dass etwas nicht stimmte. Die Stalltore waren offen, Kühe und Färsen kamen ihm entgegen, ein heilloses Durcheinander. „Wir hatten unsere liebe Not, die Ordnung wieder herzustellen“, so Anja Schiemann. Am Montagmorgen wurden dann die ersten erkrankten Rinder entdeckt, deren Leber infolge der Über­konzentration an Kraftfutter geschädigt wurde. Einige Tiere verendeten, andere mussten getötet werden.  

 

„Pansen-Azidose in solch einem Stadium, da kann auch der Tierarzt nichts mehr machen“, erklärt die Geschäftsführerin. Fest stehe leider auch, dass rund 400 Kühe und Färsen auf nächtlicher Wanderschaft waren. Ungewiss aber, wie viele von ihnen trotz geringerer Futteraufnahme geschädigt sind. Die Auswirkungen werden sich erst später zeigen. Anja Schiemann geht davon aus, dass es möglicherweise zu Leistungsdepressionen, ja gar Verkalbungen oder Unfruchtbarkeit kommt. „Am meisten beschäftigt uns die Frage, wer auf solch verrückte Idee kommt, die Tiere rauszulassen. War er so naiv zu glauben, ihnen etwas Gutes zu tun?“

 

An der ursprünglichen Vermutung, dass sogenannte Tierschützer am Werk waren, wollen sich die Liebenwalder nicht beteiligen. „Wir möchten nicht spekulieren und vorverurteilen“, betonte Anja Schiemann. Nach den bisherigen Ermittlungen der Polizei ist auszuschließen, dass es sich um einen Dumme-Jungen-Streich handelt, ebenso wenig um die Aktion von Betrunkenen oder von Viehdieben. Da das Gelände umzäunt und auch nachts beleuchtet ist, müssen der oder die Täter bewusst nach einer Möglichkeit gesucht haben, ungesehen einzudringen. Überdies wurden die Innentore des Stalls geöffnet, was eine gewisse Fachkenntnis sowie Fertigkeit voraussetzt. „Leider gibt es keine Zeugen. Lediglich die Nachbarn haben berichtet, dass es gegen ein Uhr nachts Tiergeräusche im Stall gab, die lauter als sonst waren“, erzählt die Geschäftsführerin. 

 

Für den Betrieb, der vor zweieinhalb Jahren auf ökologische Milchproduktion umgestellt hat, stellt der nächtliche Einbruch einen herben Einschnitt dar. Mit solch fatalen Folgen hatte keiner gerechnet. Der Schaden beläuft sich bisher auf mehr als 40.000 Euro. „Was jetzt passiert ist, zwingt uns, unser Sicherheitskonzept neu zu durchdenken“, betont Anja Schiemann. „Wir werden in neue Überwachungstechnik investieren müssen, damit sich so etwas nicht wiederholt.“ Eine Lebensversicherung für Kühe könne sich keiner leisten. Der Betrieb sei zwar gegen Brände versichert, lebendes Inventar eingeschlossen, könne aber im besagten Falle keine Entschädigung beanspruchen. „Das trifft uns in diesem Jahr besonders, da wir schon beträchtliche Einbußen bei der Futterproduktion hinnehmen mussten.“ 

 

Weidefläche gleich hinterm Stall

 

Die Liebenwalder Agrar GmbH mit der Gut Hammer Liebenwalde GmbH als Tochter bewirtschaftet rund 1.700 ha, auf denen zum Teil Ökogetreide, Lupine, Luzerne und Kleegras sowie Mais angebaut werden. Etwa 550 ha werden konventionell bewirtschaftet, um die hofeigene Biogasanlage zu versorgen. Den Rindern stehen von den 600 ha Grünland 80 ha Weideflächen direkt hinter der Stallanlage zur Verfügung. Doch die extreme Trockenheit erschwert die Versorgung der Vierbeiner. 

 

„Wir sind froh, dass unsere Milchkühe die Umstellung so gut verkraftet haben. Im vorigen Jahr kamen wir auf eine durchschnittliche Leistung von rund 7.800 kg pro Kuh. Das werden wir nicht halten können“, äußert sich besorgt Timo Schiemann, verantwortlich für den Pflanzenbau und die ökologische Milchproduktion. Ein Trost für die Liebenwalder waren die vielen Anrufe von Berufskollegen und Anwohnern, die sich solidarisch zeigten. „Wie geht es Euch und Euren Kühen?“ wurde immer wieder gefragt. 

 

Prämie für sachdienliche Hinweise ausgelobt

 

Allerdings habe es über Facebook auch gehässige Kommentare gegeben, berichtet Timo Schiemann. „Jemand meinte sogar, uns belehren zu müssen nach dem Motto: Bei ökologischer Tierhaltung wäre so etwas gar nicht erst passiert. Da fehlen einem die Worte!“ Die Liebenwalder Agrar GmbH hat inzwischen eine Prämie in Höhe von 1.000 Euro für sachdienliche Hinweise ausgelobt, die zum Ergreifen der Täter führen. 

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