Ein ehrliches Eingeständnis

23.02.2017

© Wolfgang Herklotz

Rund 4,5 Mio. € wurden in das Großgewächshaus investiert. Auf einer Fläche von zwei Hektar werden hier Salat, Tomaten und Gurken sowie Chicorée angebaut.

Zeit zu ernten! Während an diesem Februartag Minusgrade herrschen, ist es im Gewächshaus angenehm warm. Hier sind Beatrice Lobisch und ihre Mitstreiter von der Landgut Pretschen GmbH & Co. KG gerade beschäftigt, Feldsalat zu schneiden. Zwischen 200 und 300 Kilogramm des vitaminreichen Gemüses landen pro Tag in den Stiegen, die nur wenig später in einen der großen Laster mit dem weithin sichtbaren Logo Terra Naturkost  verladen werden. Der zertifizierte Biogroßhändler aus Berlin beliefert Geschäfte sowie gastronomische und Verarbeitungseinrichtungen in der Hauptstadt, in Brandenburg sowie Sachsen-Anhalt und sogar auf der Insel Rügen.


Das nach den Kriterien des DEMETER-Verbandes wirtschaftende Landgut am Rande des Unterspreewalds gehört zu den Unternehmen mit festen Lieferbeziehungen. Neben Salat, Gurken und Tomaten steht auch Chicorée auf dem Anbauplan. Sobald die mit Feldsalat bestellten Flächen unter Glas abgeerntet sind, kommen Tomatenpflanzen in den Boden.


Die Abläufe sind den Mitarbeitern wohlvertraut, doch längst nicht selbstverständlich. Denn das Landgut musste im Oktober 2015 Insolvenz anmelden, nachdem  im zweiten Halbjahr 2015 Finanzprobleme aufgetreten waren. Es gab Anlaufschwierigkeiten bei der Gemüseproduktion in dem 2011 errichteten Großgewächshaus. Rund 4,5 Mio. € waren in den Komplex auf zwei Hektar Fläche mit acht Klimaabteilungen investiert worden, um vor allem den Berliner Markt mit Biogemüse zuverlässig bedienen zu können. Es flossen Fördermittel, doch eine Finanzierung war unabdingbar. Kapitaldienst zu leisten erwies sich zunächst als  unproblematisch  für den rund 820 ha großen Betrieb, der Milch an die Ökomolkerei in ­Brodowin liefert und Fleisch sowie Wurstwaren selbst vermarktet. Doch der Umsatz des Biogemüses blieb weit unter den Erwartungen des Businessplanes zurück, berichtet Geschäftsführer Sascha Philipp. „Das Wachstum und die Gesundheit der Pflanzen machten  uns große Sorgen. Dies lag vor allem an den starken Verdichtungen während der Bauarbeiten.“


Obwohl die Pretschener  den Boden gut gedüngt und aufgelockert hatten, kam der Aufwuchs nicht wie gewünscht  in Gang. Es zeichnete sich ab, dass es länger als erwartet dauern würde,  das Gemüse in entsprechender Menge und Qualität zu ernten. „Wir mussten erkennen, dass sämtliche Berechnungen nicht mehr stimmten“, sagt Philipp. Eine Zeit lang konnten die Verluste im Gemüsebau mit den Einkommen aus der Milchproduktion und der Direktvermarktung kompensiert werden, doch dann liefen Schulden auf. Die Entscheidung, den Insolvenzantrag zu stellen, war  unvermeidlich, doch fiel sie außer­ordentlich schwer. Wie würden die Kunden und Geschäftspartner ­darauf reagieren?  „Am schlimmsten war die Zeit vor dem Einreichen des Antrags, weil wir Schlimmes befürchteten“, bekennt Philipp. „Doch zum Glück lief unser Geschäftsbetrieb während der Insolvenzzeit  nahezu problemlos weiter.“ Die GmbH musste keinen der 49 Mitarbeiter kündigen. Wichtig war, die LBB Ländliche Betriebsgründungs- und Beratungsgesellschaft  zu konsultieren, die über umfangreiche Erfahrungen bei der Sanierung und Restrukturierung von landwirtschaftlichen Unternehmen verfügt. LBB-Experte  Jörg Heus konzipierte den Sanierungsplan, der ohne Gegenstimme beschlossen wurde.  Zugleich konnte mit der auf Unternehmenssanierung in Eigenverwaltung spezialisierten  Kanzlei Wallner Weiß der nötige Rechtsbeistand  gesichert werden. Sascha Philipp betont vor allem die Umsicht und Erfahrung von Rechtsanwalt Rüdiger Weiß. „Ihm ist es gelungen, die Gläubiger von der Solidität unseres Unternehmens zu überzeugen.“


Der vom Gericht bestellte Sachwalter legte den Insolvenzplan vor. Dieser hatte nicht nur einen Schuldenschnitt von über sechs Millionen Euro zur Folge, sondern auch eine außergerichtliche Entschuldung der Landgut Pretschen Verwaltungs  GmbH sowie des geschäftsführenden Alleingesellschafters Sascha Philipp. Jener hatte sich für eine Vielzahl von Verbindlichkeiten verbürgt. Außerdem gelang es, die in der Schweiz ansässige Stiftung Edith Maryon und die GLS Bank mit einzubinden. Die als gemeinnützig anerkannte Stiftung, die bereits einen Großteil der Flächen an das Landgut verpachtet, übernahm die Gebäude und löste damit Bankschulden ab.


Dass der Geschäftsbetrieb im  Landgut wie gehabt weiterlaufen konnte, war nicht zuletzt auch Rechtsanwalt Matthias Schicht zu verdanken. Er hatte einen Schutzschirmantrag bei Gericht gestellt, um Zugriffe zu verhindern. Das sorgte für den nötigen Freiraum, um das Sanierungskonzept zu erstellen. Pünktlich zum Ende vergangenen Jahres hat das Insolvenz­gericht Cottbus das Verfahren aufgehoben, womit die erfolgreiche Sanierung des Landgutes in Eigenverwaltung nach knapp einem Jahr abgeschlossen werden konnte.

 

Inzwischen sind das Wachstum und die Gesundheit der Gemüsepflanzen wieder auf dem gewünschten Niveau, die Gemüseproduktion in Pretschen entspricht seit dem Wirtschaftsjahr 2015/16 der ursprünglichen Planung, bestätigt Sachwalter Weiß. „Es freut mich, dass der Betrieb sich wieder in sicherem Fahrwasser befindet.“


Sichtlich erleichtert ist ebenso  Geschäftsführer Sascha Philipp, auch wenn noch viel Arbeit zu bewältigen sei, wie er anmerkt. Sein Resümee:  „Mit Liquiditätsengpässen haben derzeit viele Landwirtschaftsbetriebe zu tun. Das Wichtigste in solch einer Situation ist, sich das ehrlich einzugestehen und kompetente Beratung zu suchen.“

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