Der Landwirt in der Hauptrolle

28.11.2018

© Heike Mildner

Es wäre wirklich jammerschade, wenn die drei Aufführungen am vergangenen Wochenende die einzigen bleiben sollten. Das Theaterstück, in dem es um die Belange der Landwirtschaft geht, ist rundum gelungen und überaus geeignet, die gesellschaftliche Diskussion zum Thema anzuregen. Alles dreht sich um das Dilemma, in dem der konventionell wirtschaftende Landwirt steckt: zwischen den Ansprüchen der Gesellschaft, den Gegebenheiten von Agrarpolitik und Weltmarkt und seinen ganz konkreten Produktionsbedingungen  zerrieben zu werden. Dass er in dem Stück weder angegriffen noch lächerlich gemacht, sondern ernstgenommen wird, muss leider in Zeiten der Landwirtsschelte besonders betont werden. Bisher habe ich Theaterstücke mit landwirtschaftlicher Thematik nur bei der Landjugend auf der Grünen Woche gesehen, wenn Laiendarsteller vor den eigenen Leuten agieren. In Altranft jedoch waren Profis am Werk – von der Text- bis zur Bühnenarbeit. Und sie spielten vor einem landwirtschaftlich interessierten, jedoch nicht notwendigerweise involvierten Publikum. Das hat es so noch nicht gegeben.

 

Die Geschichte basiert auf dem Rätsel, das die kluge Bauerntochter aus Grimms Märchen vom König gestellt bekommt: „Komm zu mir, nicht gekleidet, nicht nackend, nicht geritten, nicht gefahren, nicht auf dem Weg, nicht außerhalb des Weges ...“ Auch der Landwirt im Theaterstück hat eine kluge Tochter, und als die klein war, hat er ihr das Märchen immer wieder vorgelesen. Nun ist sie längst erwachsen, lebt in der Stadt und arbeitet in der Werbebranche. Eines Tages findet der Bauer auf dem Acker Protestschilder, die ihn als Giftspritzer brandmarken. Schockiert und hilflos fragt er seine Tochter, wie er reagieren soll, und die schickt ihm aus Zeitmangel zunächst eine Imageberaterin, die von „Tuten und Blasen“, nicht aber von Landwirtschaft Ahnung hat. Gelegenheit für die Schauspieler Kathleen Gaube und Jens-Uwe Bogadtke, ihrem komödiantischen Affen Zucker zu geben. Auf unterhaltsamste Weise arbeiten sie sich an den Glaubenssätzen bioaffiner Großstädter ab, die mit den realen Bedingungen des Ackerbaus im Oderbruch kollidieren. Die Imageberatung scheitert glorreich und innerhalb weniger Minuten verwandelt sich die Komödie in eine Tragödie, denn die Verzweiflung des Landwirts ist glaubwürdig und berührt, geht an die Substanz. Das Dilemma ist echt und nicht mit Imagekampagnen zu lösen. Die kluge Tochter kommt nun doch nach Hause, um dem Vater zu helfen. Nach Zuhören, Zuwendung, Rollenspielen und Rückbesinnung auf das alte Märchen bringt sie ihn darauf, zunächst einmal das Rätsel zu formulieren. Denn in einer Gesellschaft, in der der „König“ keine Rätsel, wohl aber eine schlechte Lösung parat hat – alles 100 % Bio, alles wächst, wie es will, es gibt keine Unkräuter mehr, Tiere werden nicht mehr fürs Essen getötet, und irgendwie werden wir trotz allem satt – sollte man nach dem Rätsel hinter dieser vermeintlichen Lösung suchen. Bauer und Tochter kommen auf die Formel: „Nicht verschenkt und nicht verkauft, nicht verboten und nicht gefördert, nicht in dem Dorf und nicht außer dem Dorf.“ 

 

Was dahinter steht, machen sie an Beispielen deutlich, die in Richtung Beteiligung an der Lebensmittelproduk­tion, Verringerung staatlicher Einflussnahme bei Verzicht auf Subvention sowie soziale Verankerung in der Dorfgemeinschaft gehen. Das klingt hier viel trockener, als es sich im Agieren der Schauspieler entwickelt. Und immer wieder wird das Bühnengeschehen durch Einspielungen unterbrochen, in denen Landwirte aus dem Oderbruch, mit denen im Vorfeld Interviews geführt wurden, zitiert werden. Eine wesentliche Komponente der Inszenierung von Marita Erxleben. 

 

Am Ende gibt die Bauerntochter ihrem Vater etwas altklug die Richtung vor: „Wenn du das Rätsel löst, wirst du klug, und klug sein musst du, wenn du ein Bauer bleiben willst.“ Die Diskussion beginnt, sobald die Schauspieler und Gitarrist Hannes Buder, der das Geschehen einfühlsam begleitete, die Bühne nach langem Applaus verlassen haben. 

 

Kontakt für potenzielle Gastgeber: k.anders@remove-this.museum-altranft.de 

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