Das Pferd lesen können

04.05.2015

© Sabine Rübensaat

Zufriedenes Team nach getaner Arbeit: Züchter Rüdiger Kollan und Olaf Peter.

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Das Winterende ist auch für einen Pferdehuf bedeutsam, insbesondere wenn es sich um das Schuhwerk eines Zugpferdes handelt. Denn das trägt im Gegensatz zum Sportpferd in der kalten Jahreszeit keine Hufeisen, weil es nicht im Einsatz ist. Also heißt es, bevor frühlingshafte Kremser- und Kutschfahrten gebucht werden, die Stoßdämpfer der Vierbeiner fit zu machen, auf dass sie problemlos und komfortabel geländegängig sind. Insgesamt fünf solcher Pferde wird Olaf Peter an diesem Tag huftechnisch versorgen, im kleinen Gnewikow im Landkreis Ostprignitz-Ruppin, vor Ort, dank mobiler Schmieden möglich, beim Züchter also: Rüdiger Kollan hat sein Haflinger-Zuchtbuch im selben Jahr begründet, in dem Olaf Peter sich selbstständig machte. 23 Jahre arbeiten die Männer zusammen. Kollans Fazit: Er sei über die Zeit sehr zufrieden mit dem Hufbeschlaglehrmeister, der – in enger Kooperation mit dem Tierarzt – auch gut mit Problempferden umgehen kann, beispielsweise mit Tieren, die an Hufrehe oder am Hufrolle-Syndrom leiden. Peter gibt das Kompliment zurück: Kollan sei ein professioneller Partner, der tolle Pferde hält, sie gemeinsam mit seiner Frau Manja bestens pflegt und ein riesengroßes Herz für sie habe. Insgesamt 20 Haflinger hält Kollan im Nebenerwerb, zehn davon sind für den Kutschbetrieb bestimmt. Im Haupterwerb verdient er seine Brötchen im nahen Jugenddorf am Ruppiner See, einem Ort für Ferienund Trainingscamps. Zuvor hat der gelernte Rinderzüchter drei Jahrzehnte auf demselben Grund und Boden gearbeitet, auf dem wir stehen. Der heutige Betrieb, der die Rinderhaltung aufgegeben hat, stellte ihm einen Teil der Stallungen für seine Pferde zur Verfügung.

Abby, acht Jahre und eine Schönheit, wenngleich auch die anderen kritische Blicke nicht zu scheuen brauchen, scharrt sozusagen schon mit den Hufen. Sie soll in Kürze vor der Kutsche laufen. Wie später bei den anderen vier Pferden, die sich heute in Peters Hände begeben, werden, je nach Sachlage mehr oder weniger, die Hufe nacheinander berundet, das heißt erst mit dem Hufmesser gesäubert, dann wird zu langes Wandhorn entfernt. Mithilfe spezieller Werkzeuge werden sogenannte Korrekturschnitte angesetzt, um Fehlstellungen zu beheben oder vorzubeugen, die sonst Gelenke, Sehnen und Bänder belasten würden. Nach dem Korrekturschnitt glättet Peter die Wände mit der Hufraspel, wobei Mitarbeiter Olaf Holz die Vorderhufe auf ein Dreibein positioniert. Dann bekommen die Damen an Vorderund Hinterbeinen individuell angepasste Hufeisen. „Junge Pferde müssen korrekt aufwachsen, ältere so lange wie möglich gesund gehalten werden, damit zum Beispiel Arthrose lange ein Fremdwort bleibt“, fasst Peter zusammen. Rüdiger Kollan richtet seine Schöne aus, damit sie recht problemlos auf drei Beinen stehen kann. Peters Mitarbeiter Olaf Holz, der „Hochhalter“, hebt zunächst das linke Vorderbein auf: Das Duo Peter/Holz hat eine festgelegte Arbeitsabfolge. Abby ist, sagen wir, nicht wirklich nervös, aber hellwach eben. Der Wind bläst heftig, mal schlägt eine Stalltür an, mal scheppert ein Eimer, zudem sind da noch zwei unbekannte Stimmen: die meiner Kollegin und meine. Aus den Augenwinkeln beobachtet Abby auch das hintere Geschehen, die Ohren sind aufgestellt. Per Rundum-Blickkontakt, der dem Nichteingeweihten höchstwahrscheinlich gar nicht auffällt, kommuniziert Peter beständig mit dem Tier, das seinerseits Kontakt zu seinen Artgenossen im Stall sucht. Auch aus diesem Grund steht Ninette, die als Nächste drankommt, ganz nah bei ihr. „Wir arbeiten immer in einer solchen Zweier-Konstellation; das beruhigt das Tier“, sagt Peter. Ein nervöses oder ungewohntes Umfeld mache besonders Fohlen zu schaffen, „aber diese Tiere hier sind abgeklärt.“ Na, schaun wir mal. Präzision trifft fast drei Jahrzehnte Erfahrung. Einem Fachmann wie Peter reicht ein kurzer Blick, um den Zustand des Hufs einzuschätzen. Beim Berunden darf weder zu viel noch zu wenig abgetragen werden, aber eben so viel, dass das Tier wieder gerade steht. Zum Beurteilen der Hufe und des Pferdes vor und nach dem Beschlag bedarf es deshalb ebenen Bodens, beispielsweise Beton wie hier. Offenes Gelände mit seinen Unebenheiten ist zum Hufbeschlag ungeeignet, um nicht zu sagen, kontraproduktiv. Der Hornabtrag bei Abby beträgt etwa einen halben Zentimeter. „Bei ihr brauchte ich nur innen am Huf ein wenig zu kürzen, die Außenränder läuft sie sich allein ab“, heißt Peters Zwischenresümee.

Kleiner Exkurs: Hufe wachsen jeden Monat zwischen zehn und zwölf Millimeter, abhängig von Rasse und Bodenverhältnissen. Entsprechend sucht Olaf Peter seine Kunden mit seiner mobilen Schmiede vierzehntäglich bis aller sechs oder acht Wochen auf, und das in einem Umkreis von maximal hundert Kilometern. „Wer weiter weg wohnt, kommt zu uns in den Betrieb, das ist für ihn wirtschaftlicher“, sagt Peter. Sein Anspruch ist, dass der Kunde sein Pferd permanent beobachtet, sich mit dem Tier auseinandersetzt. Er sehe ja als Erster, wenn es nicht gut läuft. Als Gründe, die fürs Beschlagen sprechen, nennt Peter: Hufeisen schützen die Hufe vor übermäßiger Abnutzung, für Turnier- und Springpferde bieten sie einen Gleitschutz, und Dressurpferden geben sie Trittsicherheit. Spezielle Hufeisen, beispielsweise mit einem Steg versehen, können auch aus orthopädischen Gründen oder als therapiebegleitende Maßnahme verordnet werden, aber das grundsätzlich nur vom Fachtierarzt. Wenngleich derzeit moderne Alternativen zum Hufbeschlag, so mit Aluminium- oder Kunststoffbeschlägen, in der Diskussion sind, ist laut Peters Erfahrung das klassische Hufeisen hinsichtlich Haltbarkeit und Schutzfunktion immer noch die Nummer eins. Das Gesündeste sei jedoch, ein Tier gar nicht zu beschlagen. Jeder Nagel sei ein Fremdkörper im Huf, also ein gesundheitliches Risiko.

Zwischendurch hat Olaf Peter vier Hufeisen anprobiert und sich im Falle Abby für Größe vier entschieden. Die vorgefertigten Halbfabrikate werden nun auf die speziellen physischen Gegebenheiten des Tiers zugeschmiedet. Jeder Huf ist anders, der Fachmann nennt zeheneng oder -weit, Flachhuf, zu spitz, zu stumpf. Peter wirft in seiner mobilen Schmiede den Gasofen an. Der erhitzt die Eisen innerhalb von zehn Minuten auf etwa 900 Grad. Mit schnellen Hammerschlägen macht er sie auf dem Amboss präzise passend. „Ich habe das Bild von Abbys zugerichtetem Huf geistig abgespeichert, danach forme ich das Eisen.“ Bevor er aber das erste Eisen zum Anpassen auf den Huf legt, lässt er einen Hornspan auf dem glühenden Metall verschmoren. So testet er, ob Abby mit dem Geruch vertraut ist, assoziiert, was ihr bevorsteht. Damit will er ihr „Einverständnis“ herauskitzeln für das, was folgt. Das geht am besten im Team Mensch-Tier. „Man muss dem Pferd eine Chance lassen“, sagt der erfahrene Schmied – die Wahl zwischen dem Jetzt oder dem Einen-Augenblick-später. „Erst wenn sie stillsteht, kommt das Eisen drauf.“ Mehrere Kollegen haben diese Praktik, weil erfolgreich, übernommen. Denn: „Auch ein Hufschmied lernt aus Schmerzen!“ Beim ersten Versuch ist Abby noch nicht so weit. Was sie mit einer Abwehrgeste deutlich macht. Aber dann. „Priiima!“, lobt Peter. Zwei- bis dreimal wird anprobiert. Dann die Klangprobe, wobei er mit seinem Beschlaghammer gegen das Eisen schlägt, um zu prüfen, ob es in Ordnung ist und nicht etwa einen Haarriss hat, später brechen könnte. Mit Folgen für das Pferd. Doing! Gelungen! Sodann erfolgt das Aufnageln, sechs Nägel werden präzise auf der sogenannten Nagellinie positioniert, und zwar – das ist Peters Qualitätsanspruch – immer im gleichen Abstand und parallel zur Kronenwand. Weil es ästhetisch ist und einen sehr praktischen Aspekt hat: So ist der feste Sitz des Hufeisens gewährleistet. Ein wichtiger Arbeitsgang, deshalb ein Prüfungskriterium für Hufbeschlagschmiede in der Ausbildung. Zum Schluss kappt Peter den überstehenden Teil der Nägel und versenkt sie im Horn, damit sich das Tier im Lauf nicht verletzt. Summa summarum 45 Minuten Kompetenz, Kraft, Erfahrung, Konzentration, Zusammenspiel mit dem Individuum Tier: Respekt!


Olaf Peter ist 1. Vorsitzender der Interessengemeinschaft der Berliner und Brandenburger Hufbeschlagschmiede. Sie hat 35 Mitglieder, fördert Kommunikation und fachlichen Austausch.

Der 46-Jährige ist ein Granseer Urgestein. Die Familie ist nachweislich seit dem 17. Jahrhundert hier ansässig und immer landwirtschaftlich tätig gewesen. Olaf Peter steht hundertprozentig in dieser Tradition. Leidenschaftlich sei er den Pferden und dem Reitsport verbunden, sagt er. „Schon mit zwölf kam für mich als Beruf nur Hufschmied infrage.“ Gemäß der damals gültigen Ausbildungsverordnung absolvierte er eine Lehre als Hufschmied mit Schwerpunkt Hufbeschlag, anschließend war er in einem Granseer Betrieb angestellt. Am 1. 2. 1992 hat er sich selbstständig gemacht. Damals verschwand ein Forstbetrieb nach dem anderen und so die Rückepferde, zugleich wuchs die Zahl der Reiterhöfe und der privaten Züchter, der Pferdesport begann wieder zu boomen. Schon im zweiten Jahr war die Auftragslage so gut, dass er einen Mitarbeiter einstellen konnte. Mit Olaf Holz bildet er nun ein Team, das sich wortlos versteht.
Nächstes Jahr blickt Peter auf 30 Berufsjahre zurück, sein Können und sein Feeling schätzen nicht nur die Kunden. Er betreut die Rösser auf der Grünen Woche, verantwortet die Turnierbereitschaft auf der Hippologica und anderen Events, setzt mit diesem oder jenem Stück aus seiner Kutschensammlung mancher Veranstaltung Glanzlichter auf, bildet Nachwuchs aus, nimmt Prüfungen ab. Der Weg zum Hufschmied ist heute ein wenig anders als der, den er durchlief. Nach Änderung der Hufbeschlagsordnung 2007 folgt einer beruflichen Vorbildung in Form einer abgeschlossenen Ausbildung ein zweijähriges Praktikum im Anstellungsverhältnis bei einem erfahrenen Hufbeschlagschmied. Den anschließenden viermonatigen Vorbereitungslehrgang und die Abschlussprüfung legt man in einer der bundesweit zwölf Lehrschmieden ab. Das Heer der Bewerber sei groß, so Peter, doch nur ein Drittel derer, die die Prüfung bestehen, bleibe im Beruf. Und weil der körperlich einiges abfordert, sind die Männer nach wie vor fast unter sich.

Olaf Peter – ein profunder Kenner des Metiers. Da wundert es kaum, dass er auch höchst erfolgreich Rheinisch-Deutsches Kaltblut züchtet. Seine Rappen sind, 2011 offiziell bescheinigt, hinsichtlich Farbpopulation, Bestandsgröße und Qualität einzigartig in Europa. Insgesamt hält er 20 Pferde, darunter fünf gekörte Hengste, von den zehn Stuten sind acht Staatsprämienstuten, also leistungsgeprüfte Zuchtstuten der höchsten zu erreichenden Klasse. Und es besteht begründete Hoffnung, dass all dies von seinem Sohn Ole fortgesetzt wird. Der Neunjährige habe Leidenschaft und Begeisterung für Pferde geerbt, begleite ihn, wo es möglich ist, zu Veranstaltungen, strahlt Peter.

Wir sind sicher, gesehen zu haben, was einen guten Hufbeschlagschmied ausmacht. Dennoch die Frage an den Lehrmeister: „Er muss ein komplettes Verständnis vom Tier haben, Mimik, Gestik, Augen, Ohren, Körperbewegung und -spannung wahrnehmen und deuten können. Zugleich braucht er ein hohes Fachwissen zum Pferd und seiner Anatomie, vor allem ein professionelles Auge zur korrekten Beurteilung der Gliedmaßen, der Zehen, um den Beschlag so komfortabel zu gestalten, dass das Tier gut als Sport-, Arbeits- oder Zuchtpferd einzusetzen ist.“ Mit einem Wort: „Du musst das Pferd lesen können.“

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