Das Futter wird knapp

25.07.2018

© Wolfgang Herklotz

Anfang Juli starteten die Landwirte aus dem osthavelländischen Selbelang in die Wintergerste. „Auf unseren Luchböden dauert es länger mit der Abreife, doch in wenigen Tagen schon wird alles vom Halm sein“, erklärt Detlef Wacker von der Märkischen Hof Selbelang GbR. „Die Erträge aber sind mehr als bescheiden.“

 

Normalerweise erntet der Betrieb, der auf 260 ha Getreide angebaut hat, zwischen 68 und 70 dt/ha. In diesem Jahr sind es lediglich 56 dt/ha, so Wacker. Auch der Raps enttäuschte. Auf ganze 28,5 dt/ha kamen die Selbelanger beim Drusch der Ölfrucht, rund ein Drittel weniger als sonst. Wacker führt dies nicht nur auf die extreme Trockenheit, sondern auch auf das Verbot der insektiziden Beizen zurück. 

 

Zweiter Schnitt fraglich

Sind die Einbußen im Marktfruchtbereich schon schmerzhaft genug, bereitet den Selbelangern die Versorgung ihrer 620 Rinder, darunter 250 Milchkühe, derzeit noch mehr Probleme. Die Silos sind nahezu leer, weil im vorigen Jahr viele Flächen unter Wasser standen und der zweite sowie dritte Schnitt vom Grünland ausfiel. „Wir konnten dort in diesem Jahr zwar noch etwas ernten, doch ein zweiter Schnitt ist mehr als fraglich“, betont Mitgesellschafter Dietmar Lucke. Die wochenlange Trockenheit hat auch den Gräsern zugesetzt, die zwischenzeitlichen Niederschläge trugen nicht dazu bei, die Situation zu entschärfen.

 

 „Unsere Jungkühe lassen wir mangels Alternativen auf den Wiesen weiden, die eigentlich gemäht werden sollten, und unseren Milchkühen legen wir jetzt schon das Winterfutter vor. Eine Sackgasse, doch es gibt keinen anderen Weg.“

 

Dabei haben die Selbelanger schon ihren Bestand reduziert, um mit weniger Futter auszukommen. Wurden bislang noch bis zu 150 Bullen jährlich gemästet, wird dieser Bereich nun eingestellt. Notfalls muss auch die Kuhzahl  weiter reduziert werden, obwohl die Milch derzeit noch eine einigermaßen planbare Einkommensquelle darstellt. Futter zuzukaufen, kommt für die beiden Gesellschafter nicht infrage, weil die Preise dafür aufgrund der allgemeinen Knappheit enorm angestiegen sind. Da hilft auch die vom Kreisbauernverband Havelland inititierte Futterbörse nur wenig. Lediglich zwei Betriebe aus dem Landkreis erklärten sich bislang bereit, Futter abzugeben. 

 

Zu den wenigen Betrieben, die noch auf eigene Reserven an Mais- und Grassilage zurückgreifen können, gehört die Agrargenossenschaft Stölln aus dem Westhavelland. Sie bewirtschaftet neben 1.350 ha Acker- auch 850 ha Grünland, ausreichend Fläche also, um die rund 800 Kühe zu versorgen.  Doch die extreme Witterung, nun schon das dritte Jahr in Folge, hat auch den Stöllnern kräftig zugesetzt und zu drastischen Sparmaßnahmen geführt, darunter die Reduzierung von Personal und Tieren. „Der Raps ist die Kultur mit dem größten Defizit“, betonte Geschäftsführer Detlef Ebert. „Wir werden den Anbau um die Hälfte zurückfahren und wieder mehr Getreide anbauen.“ Die Milchproduktion soll jedoch nicht angetastet werden, weil sie auch für die Stöllner eine wichtige Liquiditätsquelle darstellt. Deshalb wurden vor wenigen Wochen noch Jungkühe zugekauft. „Wir haben ausreichend Futtergetreide im Lager. Das veredeln wir lieber selber, als es zu verkaufen.“ 

 

Wie Detlef Ebert betont, war es eine richtige Entscheidung, rechtzeitig Flächen erworben zu haben. Rund 1.200 ha haben die Stöllner im Eigentum, das eine gewisse Sicherheit in diesen schwierigen Zeiten und Spielraum bei Verhandlungen mit den Banken bietet. „Aber wenn das so weitergeht, gehören diese Flächen eines Tages dann doch den Banken!“

 

Klare Worte findet auch Dirk Peters, Geschäftsführer der Agrofarm Nauen und zugleich Vorsitzender des Kreisbauernverbandes Havelland: „Voriges Jahr sind unsere Äcker und Wiesen regelrecht abgesoffen, dieses Jahr verbrennt alles. Dieses Jahr ist dramatisch für uns Landwirte!“ Nach seinen Informationen sind aufgrund der extremen Witterung fast 70 % der gesamten Rapsflächen und etwa zwei Drittel der mit Getreide und Mais bestellten Flächen im Havelland geschädigt. Die Ertragseinbußen treffen nahezu alle Betriebe, von denen die wenigsten Rücklagen in den vergangenen Jahren bilden konnten. „Die Stimmung schwankt zwischen Resignation und Aggressivität, weil es so nicht mehr weitergehen kann.“

 

Schnelle Hilfe tut not

Peters verweist auf einen Brief des Landesbauernverbandes an Agrar­minister Jörg Vogelsänger, in dem dieser aufgerufen wird, den Notstand auszurufen. „Wir brauchen jetzt unbürokratische, schnell wirksame Hilfen, damit nicht reihenweise Betriebe kaputtgehen!“ In Potsdam müsse man endlich begreifen, dass das im Vorjahr aufgelegte Soforthilfsprogramm nicht greife. „Es setzt Verluste bis zu 30 % im Vergleich zu den letzten Jahren voraus, doch die waren ja schon verlustreich genug!“

 

Laut Detlef Wacker ist es allerhöchste Zeit, dass die schon jahrelang geforderte Mehrgefahrenversicherung endlich etabliert wird und auch eine Steuerangleichung für Landwirte erfolgt, die steuerfrei Rücklagen für schlechte Jahre bilden können. „In dieser Notsituation müsste es doch auch möglich sein, Futterroggen  auf Greeningflächen anzubauen. Das wäre eine Hilfe zur Selbsthilfe, aber auch das wird uns strikt verwehrt!“  Vom Agrarministerium gibt es bislang keine Antwort auf den Brief des LBV.

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