Chance oder Fiasko? - Betriebsbefragung zum Mindestlohn

13.12.2013

Bildautor: Wolfgang Herklotz

Geldschein

Jürgen Zimmermann, Agrargenossenschaft Groß Machnow eG im Landkreis Potsdam-Mittelmark:

Bei uns gilt das Prinzip: Wer in Vollzeit arbeitet, muss auch vom Lohn seiner Arbeit leben können. Den jetzt diskutierten Mindestlohn haben wir im Prinzip ja schon. Die Vergütung liegt teilweise sogar darüber, abhängig natürlich von der jeweiligen Beschäftigung und Qualifikation. Das Lohnniveau spielt auch deshalb eine wichtige Rolle, weil wir am Rande von Berlin wirtschaften. Es wäre mehr als ärgerlich, wenn gute Fachkräfte abgeworben würden. Die brauchen wir einfach für unser Unternehmen, das auf rund 3 000 Hektar Marktfrüchte anbaut sowie Ferkel produziert und Mutterkühe hält. Wir haben so gut wie keine Saisonkräfte, sondern ein Stammpersonal von 28 Mitarbeitern. Wenn der Koalitionsvertrag Wirklichkeit wird, sehen wir das ganz gelassen!

Michael Rubin, Ziegenhof Zollbrücke im Landkreis Märkisch-Oderland:

Wenn das mit dem Mindestlohn Realität wird, gibt es für mich nur noch eine Schlussfolgerung. Und die heißt, Mitarbeiter zu entlassen. Denn die 8,50 Euro sind ja nur das Eine, die Nebenkosten das Andere. Für die Kranken- und Rentenversicherung ist fast noch mal der gleiche Betrag draufzulegen. Das kann mein 17-Hektar-Betrieb mit 120 Ziegen nicht mehr erwirtschaften. Als ich vor fast 15 Jahren gestartet bin, konnte ich noch sechs Mitarbeiter beschäftigen. Jetzt habe ich nur noch einen. Ziegenkäse ist zwar gefragt, doch lässt er sich nicht so einfach vermarkten. Die Lebensmitteldiscounter bieten ihn mittlerweile zu Tiefstpreisen an. Dafür sind die Betriebskosten kräftig gestiegen. Diesen Spagat können die großen Betriebe noch am besten verkraften, für die kleinen Familienbetriebe bedeutet das aber, die Selbstausbeutung noch zu erhöhen.

Wenn das so weiter geht, wird es uns in ein paar Jahren nicht mehr geben. Es ist ein Trauerspiel, dass sich die Sozialdemokraten sogar noch damit brüsten, sich beim Thema Mindestlohn durchgesetzt zu haben.

Bringfried Wolter, Familienbetrieb aus Willmersdorf bei Bernau im Landkreis Barnim:

Mit den Details muss ich mich erst noch beschäftigen. Ich weiß, dass es in Sachen Mindestlohn Übergangsfristen geben soll. Doch das sehe ich ohnehin gelassen, da meine Mitarbeiter bereits den geforderten Stundensatz haben. Dies gilt auch für die Saisonkräfte, die uns für zwei Monate im Jahr bei der Gemüseproduktion, insbesondere bei der Spargelernte, unterstützen. Ihre Vergütung erfolgt nach einer Mischkalkulation aus Grundlohn und erbrachter Leistung. Wer fleißig ist, verdient in der Stunde sogar noch mehr als 8,50 Euro.
Wir haben Stammkräfte auch aus Polen, die hochmotiviert sind und gern wiederkommen. Dass der Staat die Höhe der Bezahlung vorschreibt, kann ich nicht gut finden. Wo bleibt da noch die unternehmerische Freiheit? Ich habe meinen Betrieb so durchorganisiert, dass gute Arbeit ordentlich entlohnt wird. Wir bauen auf rund 550 Hektar Marktfrüchte und Gemüse an, vermarkten einen Teil unserer Erzeugnisse selbst. Es ist schon schwer genug, dafür einen einigermaßen vernünftigen Preis zu erzielen. Da hält sich der Staat bekanntlich heraus. Das sollte er vernünftigerweise auch beim Thema Mindestlohn tun.

Thomas Goebel, Göritzer Agrar GmbH im Landkreis Oberspreewald-Lausitz:

Grundsätzlich müssen Löhne so ausgestattet sein, dass sie die Existenz sichern und keine Zuschüsse durch den Staat nötig werden. Genau das wollen wir auch. Leider ist es aber so, dass gerade der handarbeitsintensive Gemüsebau kaum Geld abwirft. Wir bauen auf etwa einem halben Hektar unter Glas und Folie Tomaten, Gurken, Bohnen, Radieschen und Salat an, auf 30 Hektar sämtliche Kohlarten. Es war nicht leicht in all den Jahren, das Vertrauen in Frischgemüse aus der Region aufzubauen. Das ist uns gelungen, die Nachfrage steigt. Wenn der geforderte Mindestlohn Einzug hält, müssten wir die Preise erhöhen. Doch genau das wird nicht funktionieren. Denn dafür ist der Markt zu sehr umkämpft. Die Folge wäre, dass sich der Gemüsebau in Regionen mit niedrigeren Lohnkosten verlagert.

Sicherlich, in der Koalitionsvereinbarung ist von Ausnahmeregelungen speziell im Bereich der Saisonkräfte die Rede. Aber die sollen schon zwei Jahre später wegfallen. Wir gehen davon aus, dass der Anpassungszeitraum bei mindestens drei Jahren liegt. Wenn der Staat ein Interesse daran hat, dass der regionale Gemüseanbau bestehen bleibt, muss er diesen Prozess unterstützen. Wenn er das nicht tut, werden Betriebe ab 2015 garantiert aussteigen. Wir haben in unserem Betrieb nicht nur Saisonkräfte, sondern auch 20 fest angestellte Arbeitskräfte. Das Spektrum reicht von Pflanzarbeiten im Gewächshaus Anfang Februar bis zum Kranzbinden im Dezember. Die möchten wir auch weiter beschäftigen.

Hartmut Lossin, Landwirtschaftsbetrieb in Berge im Landkreis Prignitz:

Ich bin sehr dafür, den Mindestlohn einzuführen. Die Regelung ist längst überfällig, um dem Lohndumping ein Ende zu bereiten, mit dem wir in der Region zu tun haben. Ich denke dabei nicht nur an die Saisonkräfte aus dem Ausland. Sie haben ebenso wie unsere Leute einen Anspruch darauf, dass ­ordentliche Arbeit ordentlich bezahlt wird. Eine Mindestvergütung ist auch unverzichtbar, um junge Leute für die grünen Berufe zu begeistern. Man kann schlecht für deren Attraktivität werben, wenn damit nur ein geringes Einkommen verbunden ist. Wir haben jetzt schon mit Nachwuchsmangel zu tun, die Situation droht sich noch zu verschärfen, wenn nicht gegengesteuert wird.

Zu meinem Landwirtschaftsbetrieb, der sich auf den Anbau von Stärkekartoffeln spezialisiert hat, gehört noch ein Lohnunternehmen. Es bringt beispielsweise Kartoffelfruchtwasser auf den Feldern aus, sorgt aber auch für Forstarbeiten. Mir geht es darum, möglichst ganzjährig Beschäftigung zu sichern. Saisonbedingte Arbeitsspitzen werden bei uns über einen Fonds in der arbeitsärmeren Zeit ausgeglichen, ohne dass es zu finanziellen Einbußen kommt. Für die Mitarbeiter meines Lohnbetriebs bringt die vorgesehene Regelung übrigens keine Änderung. Sie haben den Mindestlohn schon seit Längerem.    

Autor: Aufgeschrieben von Wolfgang Herklotz

Umfrage: Ferkelkastration



Wie steht es um den Wissens- und Qualifikationsbedarf bezogen auf Alternativen zur betäubungslosen Ferkelkastration?

Zur Umfrage

ANZEIGE

ANZEIGE

ANZEIGE

Diese Webseite verwendet Cookies. Wenn Sie durch unsere Seiten surfen, erklären Sie sich mit unseren Nutzungsbedingungen einverstanden.

Erfahren Sie mehr