Biberschutz sorgt für eine Plage

31.07.2015

© Silke Bärisch-Müller

Ohne Fällgenehmigung: Der Biber kappt vielerorts Bäume. Sie hemmen den Abfluss im sensiblen Entwässerungssystem des Oderbruchs.

Die Proteste gegen die Biber im Oderbruch wollen nicht abebben. Und das, obwohl nach einem eindrucksvollen Ostermarsch für den Erhalt dieser Kulturlandschaft Anfang Mai die Brandenburgische Biberverordnung in Kraft trat. Sie regelt, wann und wo Biber entnommen, vergrämt oder notfalls getötet und wann Biberbaue und -burgen verfüllt oder beseitigt werden dürfen.


Doch wie so oft liegt die Tücke im Detail: Die Biberverordnung bezieht sich auf Flächen, die keinem Schutzstatus unterliegen. Ausgerechnet im Oderbruch aber, in dem mehr als die Hälfte der geschätzt 3 000 bis 4 000 Biber in Brandenburg leben, zählen rund 40 % der Areale zu FFH- oder Vogelschutzgebieten.

 

Immense Schäden


Und genau dort fühlt der Biber sich offenbar am wohlsten, wie eine von der Bürgerinitiative „Oderland pro Oderbruch“ initiierte Kartierung von Biberschäden deutlich werden lässt. Der Nager fällt in den Uferzonen der Alten Oder, den Randbereichen der Entwässerungsgräben und am Oderdeich Weiden, Pappeln, Erlen und Birken der Uferbepflanzung, baut Biberburgen, für deren Eingang unter Wasser er nötigenfalls die Gräben anstaut. Er untergräbt mit seinem Röhrensystem Böschungen, Feldwege, Straßen und Ackerflächen. Immer häufiger brechen Traktoren und Landmaschinen ein.


Immer wieder bringt der Biber so das sensible Be- und Entwässerungssystem aus dem Takt, das den Wasserstand im Oderbruch verlässlich stabil halten soll. Mal fallen Gräben unerwartet trocken, mal vernässen Böden. Vom Biber gefällte Stämme oder aufgetürmte Dämme bremsen den Wasserabfluss. Biberröhren destabilisieren den Oderdeich, der die gesamte Kulturlandschaft schützt und teuer mit Matten gegen das Eindringen der Tiere geschützt werden muss. Das herausgegrabene Ufermaterial verschlammt die Gräben, deren reibungsloses Funktionieren für die Entwässerung des Oderbruchs, des Rückgrats dieser Kulturlandschaft, unabdingbar ist. Die vom Gewässer- und Deichverband sowie den Landnutzern zu behebenden Schäden gehen jährlich in die Hunderttausende.


Ein Ende ist nicht abzusehen. Die Population des Elbe-Biber wächst ungebremst, und längst drängt auch der Woronesch-Biber von den überbelegten polnischen Uferbereichen über den Fluss ins Oderbruch und besetzt freie oder frei werdende Reviere. Und das, obwohl in ­Polen der Abschuss in bestimmtem Umfang zum Dezimieren der Bestände längst erlaubt ist.


Aus Sicht von Bauernverband und Bauernbund ist angesichts dessen die Biberverordnung  ein Schritt in die richtige Richtung, doch für das Oderbruch wird sie wegen der umfangreichen Schutzgebiete zu einem bloßen Stück Papier. Wegen des europäischen Schutzstatus in FFH-Gebieten sind dort – wie bisher – langwierigere Einzel­fall­entscheidungen notwendig.

 

Alle an einen Tisch


Nachdem sich Märkisch-Oderland vor Gericht erfolglos mit Naturschützern über den begründeten Abschuss einzelner Tiere gestritten hatte, will deshalb jetzt eine regionale Arbeitsgruppe Handlungsempfehlungen erarbeiten, die von allen Seiten anerkannt werden. Dafür sitzen erstmals alle mit am Tisch: Landkreis, Bauern, Landnutzer, Naturschützer, Gewässerverbände… Die Zeit drängt, man wolle schnell Ergebnisse vorlegen, sagt Landkreisvertreter Rainer Schinkel, und Kreisbauernverbandschef Henrik Wendorff versichert, dass alle Beteiligten die notwendige Kompromissbereitschaft erkennen lassen.


Auf erste Eckpunkte hat sich die Arbeitsgruppe bereits verständigt: Der Schutz vor Hochwasser sowie der Infrastruktur haben bei den Entscheidungsempfehlungen Vorrang. Erst danach komme der Schutz vor Vernässung landwirtschaftlicher Flächen. Die von Bürgern begonnene Kartierung von Biberschäden soll zu einem offiziellen Kataster bei der Unteren Naturschutzbehörde werden, um ein verlässlicheres Bild von der Biberpopulation im Oderbruch zu bekommen. Man schätze diese derzeit auf rund 1 500 Tiere, es könnten aber mehr sein. Die aktuelle Biberkarte des Landesumweltamtes stammt aus dem Jahr 2007.


Neben pragmatischen Handlungsempfehlungen gehe es auch um die praktische Arbeit. Mit einem hauptamtlichen Biberbetreuer habe das Land erste Voraussetzungen geschaffen, sagt Rainer Schinkel. Vor Ort gehe es jetzt um ein Netz von ehrenamtlichen Biberbetreuern in den Dörfern, die das Vertrauen aller beteiligten Partner haben. Der Landkreis habe bereits Geld für deren Ausbildung eingeplant. Die örtlichen Biberverantwortlichen sollen künftig die konkrete Situation vor Ort bewerten und gegebenenfalls der Unteren Naturschutzbehörde Problembiber melden. Diese entscheidet dann anhand der mit allen Seiten abgestimmten Handlungsempfehlungen über das weitere Vorgehen. Möglich seien Vergrämung, Umsetzung und – als allerletzte Möglichkeit – auch das Töten von Tieren. Um vor Ort die Akzeptanz des Bibers zu erhöhen, plädiert der Landkreisvertreter zudem für einen Fond zur Entschädigung bei Biberschäden, der bislang vom Land Brandenburg nicht vorgesehen ist.


Allein auf dieses abgestimmte Bibermanagement vor Ort wollen sich die Oderbrücher dennoch nicht verlassen. Um das Bruch als Kulturlandschaft langfristig zu sichern, hat die Bürgerinitiative „Oderland pro Oderbruch“ deshalb angeschoben, das Siegel „Europäisches Kulturerbe“ zu erlangen. Immer mehr Kommunen schließen sich dem an.

 

Schutzstatus absenken


Parallel soll der Erhalt der Kulturlandschaft Oderbruch auch durch einen geringeren Schutzstatus für den Nager gesichert werden. Dazu macht man Druck auf die Politik. Vor einer Anhörung zum Thema Biber im Fachausschuss des Landtages demonstrierten Betroffene Anfang Juli vor dem Parlament in Potsdam. „Weine nicht, wenn der Biber nagt, damm, damm …“, sangen dabei die Oderbruchvertreter, und der Bauernbund appellierte an die Landesregierung, sich bei der EU dafür einzusetzen, dass der Biber in Brandenburg wieder gejagt werden dürfe. „Es kann doch nicht angehen, dass aus einer früher bedrohten Art eine Landplage wird, und niemand fühlt sich zuständig, den Schutz wieder aufzuheben“, formulierte es Bauernbundgeschäftsführer Reinhard Jung. Der SPD-Abgeordnete und Präsident des Landesbauernverbandes Udo Folgart warnte, dass die Bibersituation im Oderbruch „nicht nur wirtschaftliche Existenzen“, sondern „ein ganzes Siedlungsgebiet“ gefährde.

 

Langwierige Sache


Georg Baumann, Geschäftsführer des Landesjagdverbandes, forderte die Landesregierung auf, „Naturschutz nicht länger gegen die Menschen in den ländlichen Räumen zu organisieren“ und die Chance der Überarbeitung der FFH-Richtlinie konsequent zu nutzen. „Wir Jäger stehen bereit, Verantwortung für das Bibermanagement in Brandenburg zu übernehmen. Erst muss der europäische Schutzstatus angepasst werden, dann ist eine Überführung in das Landesjagdrecht der konsequente nächste Schritt.“


Zuvor hatte die Brandenburger CDU im Landtag den Antrag gestellt, den Schutzstatus für den Biber zu lockern. Bei der Anhörung im Ausschuss verwies Stefan Leiner, Leiter der Naturschutzabteilung bei der Europäischen Kommission, darauf, dass es seiner Behörde nicht möglich sei, den Schutzstatus für den Biber zu ändern. Darauf müssten sich die EU-Mitgliedstaaten in einem komplizierten Verfahren einigen. Dafür sehe er derzeit keinen Willen.


Brandenburg will dennoch an dieser Stelle ansetzen, auch wenn Umweltminister Jörg Vogelsänger einen langen Weg bis zur möglichen Änderung des Schutzstatus sieht. Eine Ahnung davon, wie langwierig dieser Prozess werden könnte, vermittelt schon das eigene Haus. Zur Jahrtausendwende sind die internationalen Kriterien für geschützte Arten geändert worden. Danach würde der Elbe-Biber landesweit nur noch als „potenziell gefährdet“ gelten, teilte die Landesregierung der CDU-Fraktion auf Anfrage mit. Noch aber gilt er offiziell als „vom Aussterben bedroht“. Die aktuelle Rote Liste in Brandenburg stammt aus dem Jahr 1992 und soll erst 2016 aktualisiert werden.


Auch wenn es lange dauern kann – nach der Anhörung im Landtag hat sich Minister Vogelsänger unverzüglich auf den europäischen Weg gemacht. Als ersten Schritt bat er Mitte Juli in einem Schreiben an Bundesumweltministerin Barbara Hendricks, eine Herabsetzung des Biberschutzes durch die EU prüfen zu lassen. Er begründet dies unter anderem mit den besonderen Gefahren der Biberaktivitäten für die Kulturlandschaft Oderbruch.

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