Beste Böden in Gefahr

24.08.2015

© Karsten Bär

Für den Bergbau vorgesehen: beste Auenböden, die vom Kiesabbau bedroht sind. Dieser hat bereits große, wassergefüllte Restlöcher in der Nähe der Elbstadt Mühlberg hinterlassen.

Seit Jahrtausenden schon liegt ein Schatz unter Mühlbergs Böden. Was die Elbe einst in ihrem alten Urstromtal großzügig zurückließ, ist indes nur mit großem Aufwand zu heben. Um an die Kiese und Sande zu gelangen, die hier als begehrte Baustoffe seit den 60er Jahren abgebaut werden, muss großflächig in die Landschaft eingegriffen werden. Was bleibt, sind Kiesseen. „Rekultiviert wurde hier bisher noch nichts“, konstatiert Hans-Jürgen Gresch, Aufsichtsratsvorsitzender der Agrargenossenschaft Mühlberg. Ohnehin haben die Menschen, die über dem Bodenschatz leben, selbst nicht viel davon: Was unter dem Mutterboden liegt, gehört in Fortführung alten DDR-Rechts im Osten Deutschlands dem Staat beziehungsweise den Unternehmen, die Abbaurechte erworben haben.   


Rund um Mühlberg und seine Ortsteile Altenau und Fichtenberg sind in der Vergangenheit bereits einige ausgedehnte Kiesgruben entstanden. Es könnten bald beträchtlich mehr werden – und das innerhalb kürzester Fristen. Wie schnell es wirklich gehen soll, haben die Einwohner der angrenzenden Ortsteile ebenso wie die Verantwortlichen in der davon massiv betroffenen Agrargenossenschaft nur durch Zufall erfahren. „Die Größenordnungen des geplanten Abbaus sind für uns erschreckend“, gibt Gresch zu verstehen. „Die wollen das hier in einem Ruck durchziehen!“


Wie bei einem sogenannten Scooping-Termin beim Landesbergamt bekannt wurde, bei dem unter anderem notwendige Verträglichkeitsprüfungen festgelegt werden,  möchte das zur Eurovia-Gruppe gehörende Unternehmen Elbekies GmbH ein 780 ha umfassendes Bergwerksfeld südlich der Elbstadt Mühlberg vollständig erschließen – bisher war nur von rund der Hälfte dieser Fläche die Rede, was allein schon ein massiver Eingriff mit weitreichenden Folgen für die Agrargenossenschaft wäre.


Etwas weniger dramatisch nimmt sich da fast schon die geplante Erweiterung eines bereits bestehenden Abbaugebietes aus: Hier sollten ursprünglich noch einmal 30 ha ausgekiest werden. Man habe mit dem Abbauunternehmen vereinbart, dass die betroffenen Ackerflächen wiederhergestellt und Entschädigungen für den Nutzungsausfall und die zu erwartende Verschlechterung der Bodenqualität auf Grundlage eines Gutachtens gezahlt werden, wie Uve Gliemann, Vorstandsvorsitzender der Agrargenossenschaft, erklärt. Doch nun gebe es neuen Ärger: Elbekies will zusätzliche Fläche von 9 ha für den Abbau beanspruchen, zudem 6 ha als Lagerfläche nutzen. Das lehnt die Agrargenossenschaft kategorisch ab.  


Die Abbauvorhaben der Elbekies GmbH beanspruchen in Größenordnungen Flächen der Agrargenossenschaft und ihrer Tochterunternehmen. Auenböden mit Ackerzahlen zwischen 60 und 80 Punkten würden vernichtet. „Alles Flächen, die für den Zuckerrübenanbau genutzt werden“, wie der Betriebsleiter betont. Ihr Verlust hätte Auswirkungen, schließlich ist die Agrargenossenschaft Mühlberg größter einzelner Lieferant für die Zuckerfabrik im nahen Brottewitz.  Nicht nur der Rübenanbau würde leiden, der Gesamtbetrieb wäre beeinflusst, allein wegen der dann ebenfalls fehlenden Anbauflächen für Futter und den damit einhergehenden Folgen für die Tierhaltung.


Doch nicht genug damit, dass ein Abbauunternehmen die Kiesgewinnung ausweiten will. Ein paar Kilometer weiter östlich will ein weiteres Rohstoffunternehmen ebenfalls ein auf 120 ha geplantes Bergwerksfeld auf 266 ha ausweiten. „Fast alles unsere Flächen“, so Gliemann. Einschließlich dieses Vorhabens würden sich die Landeinbußen der Agrargenossenschaft und ihrer Töchter auf fast 1 000 ha summieren – bei rund 6 000 ha Betriebsflächen insgesamt.


Gegen den Kiesabbau laufen auch die Einwohner der Dörfer Fichtenberg und Altenau wegen der Eingriffe ins Landschaftsbild und der zu erwartenden Beeinträchtigung der Lebensqualität Sturm. In Fichtenberg hat sich die Bürgerinitiative „Für eine Heimat mit Zukunft“ gebildet,  der Ortsbeirätin Sonja Käseberg angehört, die ebenfalls  bei der Agrargenossenschaft Mühlberg  arbeitet. In Altenau gründete sich eine Arbeitsgruppe, die sich bezeichnenderweise „Hässliche Heimat“ nennt. „Die Altenauer sind noch etwas schlimmer dran“, erklärt Sonja Käseberg. Der Ort wäre bei Verwirklichung der Pläne von drei Seiten von Kiesseen umgeben. Beide Initiativen arbeiten zusammen, haben bereits unter anderem eine Info-Radtour organisiert und sich in einer Vor-Ort-Sendung im rbb-Fernsehen präsentiert. „Wir als Bürgerinitiativen wollen den weiteren Kiesabbau komplett verhindern“, sagt die junge Landwirtin.

 

Schrittweise vorgehen


Ein Verzicht auf den Abbau wäre auch der Betriebsleitung der Agrargenossenschaft am liebsten. Wenigstens aber wolle man erreichen, dass das betroffene Land nicht verkauft werden müsse, nur schrittweise ausgekiest und anschließend wieder in einen für die Landwirtschaft nutzbaren Zustand versetzt werde, wie Uve Gliemann fordert. Immerhin wird die Landwirtschaft als Schutzgut anerkannt, eine Betroffenheitsanalyse muss in den anstehenden Planungen angefertigt  werden. In die Genehmigungsverfahren einbezogen werden sollte aus Sicht der Einwohner und der Agrargenossenschaft aber auch die Tatsache, dass sich durch mehrere bereits erfolgte oder geplante Abbauvorhaben die negativen Effekte auf die Region summieren.

 

Eingriffe mit vielen Folgen


Was die Kieswerke um Mühlberg vorhaben, liegt nun auf dem Tisch. Nun kommt es darauf an, die entscheidenden Stellen davon zu überzeugen, dass der Kiesabbau unverhältnismäßig stark Natur und Landschaft zerstört, die Landwirtschaft beeinträchtigt und die Lebensqualität senkt. „Es ist überhaupt das erste Mal, dass das Kieswerk in Mühlberg Gegenwind bekommt“, verweist Hans-Jürgen Gresch auf den breiten Widerstand, der sich formiert hat. „Vorher hat hier noch niemand Druck gegen den Abbau gemacht.“ Das lässt auch die Mühlberger Landwirte hoffen.

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