Beruf und Berufung

16.10.2014

© Manfred Drössler

Das Besucherinteresse war groß, als Firmenchef Robert Hagemann den neuen Tierwohl-Stall vorstellte.

Was macht Tierwohl aus? Freiland- oder Stallhaltung, Kleinbestände oder große Gruppen? Die Hagemann GbR in Kuhsdorf hat nach Antworten auf diese Frage gesucht – und gefunden. Vor einigen Wochen konnte sie interessierten Besuchern ihren neuen Tierwohl-Stall vorstellen, in den mittlerweile auch schon die ersten Mastläufer eingezogen sind. Er wurde 600 m zum Betriebshof des Familienunternehmens und mehr als 1 000 m zur Ortslage entfernt errichtet. Die Hagemanns haben sich bewusst für diese große Distanz (und die Mehrkosten) entschieden, denn sie wollen ihre Anwohner so wenig wie möglich beeinträchtigen.  


Zusammen mit den bereits vorhandenen zwei Ställen verfügt der Standort nun über 6 200 Mastplätze. Auf den neuen Stall entfallen dabei 1 486. Für die investierte Robert Hagemann 1,2 Mio. €, und er ließ sie nach „Tierwohl-Kriterien“ bauen. Im Einzelnen heißt das noch mehr Platz und Rückzugsmöglichkeiten, Komfortliegeplätze sowie verschiedene Spielzeuge für die Tiere, Tageslichteinfall in gefordertem Umfang und noch bessere Be- und Entlüftung. Statt möglicher 32 kommen nur 25 Tiere in eine Buchte. Pro Tier werden 11 m³ gleichbleibend erwärmte Frischluft von außen zugeführt. 30 % weniger Tiere bedeuten aber auch weniger nutzbare Eigenwärme, sodass im Winter ein erhöhter Energiebedarf notwendig wird.


Der neue Stall basiert auf Spaltenböden, die mit Komfortliegeflächen kombiniert wurden. „Strohhaltung bringt einen Mehraufwand an Arbeit. Zudem birgt sie die Gefahr von Pilzinfektionen“, erklärt der Landwirtschaftsmeister. Man wolle aber das Einstreuen der Liegefläche erproben und Erfahrungen sammeln, so der 38-Jährige. „Die Güllekanäle sind so konstruiert, dass der Schweinekot hier nur kurz verbleibt und über eine Druckrohrleitung zügig zur betriebseigenen Biogasanlage geführt wird, denn frisch bringt die Gülle die meiste Energie“, erklärt Hagemann. Die Biogasanlage, die auch noch mit etwas Mais gefüttert wird, erzeugt nicht nur Strom für gut 400 Haushalte, sondern auch Wärme für die betriebliche Nutzung. Die Gärreste kommen auf die 340 ha Ackerland, die gemeinsam mit einem Partner bewirtschaftet werden. Da sich Fermenter und Blockheizkraftwerk wie der zentrale Anmischplatz auf dem Betriebshof der Familie befinden, werden von hier aus alle drei Ställe über Leitungs- und Rohrsysteme mit Futter und Wasser sowie mit  Strom und Wärme versorgt.

 

Alles per Computer

Der neue Stall kostete Hagemanns rund 120 000 € mehr als eigentlich nötig, denn zusätzlich wurde noch eine Abluftwäsche eingebaut. Über einen begehbaren Kanal wird verbrauchte Stallluft über Abluftstutzen abgesaugt und durch ein dreistufiges Filtersystem gereinigt: Stufe 1 (Wabensystem mit Wasserbefeuchtung) filtert den Staub heraus, Stufe 2 (Wabensystem mit Wasser, angereichert mit Schwefelsäure) neutralisiert den Ammoniakgehalt – damit sind 90 % des Geruchs eliminiert. Die Restfilterung (Stufe 3) übernimmt eine Wurzelholzaufschüttung. Alle Prozesse, ob Fütterung oder Klimaregelung, sind komplett computergesteuert.

 

Täglich Seuchenschutz

Natürlich wird in den Hagemann-Ställen auch streng auf Sauberkeit und Hygiene geachtet. „Reinduschen“ bei Betreten des Stalls und „Rausduschen“ bei Verlassen sind selbstverständlich. Nicht nur Mitarbeiter sondern auch und besonders Besucher müssen eine moderne Hygieneschleuse durchqueren, um zu den Tieren zu kommen. Innen liegen frische Handtücher, Socken, Unterwäsche, Arbeitsbekleidung und Gummistiefel bereit. In die Gänge bzw. Stallabteile kommt man anschließend nur nach einem desinfizierenden Stiefelbad. So wird schädlichen Keimen der Zutritt verwehrt. Darauf achten Hagemanns und das 13-köpfige Team ebenso genau wie auf bestes Futter, das nach eigener Rezeptur (Betriebsgeheimnis) gemischt wird. Ein Zweitbetrieb, die Hagemann Dienste GmbH, 2003 gegründet, stellt Tierfutter selbst her, vermarktet es und ist auf die Verwendung von Nach- und Nebenprodukten der Lebensmittelindustrie spezialisiert.


„Tierwohl bedeutet auch das Streben nach höchstmöglicher Tiergesundheit“, unterstreicht Hagemann. Auf die Frage, wie viel Antibiotika in seinen Ställen gebraucht werden, um kranke Schweine zu behandeln, meint der Kuhsdorfer: „Eigentlich null.“ Er verliere kaum ein Tier, die Tierarztkosten liegen bei einem Tiefstwert von 75 ct je Schwein. Eine Studie „Was kostet Tiergesundheit in Schweinebeständen?“ nennt durchschnittliche Tierarzt- und Medikamentenkosten von gut 2 €.

 

Gern Unternehmer

„Schweine machen mir Spaß. Ich bin gern Unternehmer und habe Spaß daran, etwas zu gestalten und zu entwickeln. Ich fühle mich als Landwirt von Beruf und Berufung, dem das Tierwohl sehr am Herzen liegt“, begründet Hagemann seine Investitionsbereitschaft. Er macht keinen Hehl daraus, im Schweinebereich weiter wachsen zu wollen. Tatkräftige Unterstützung erhält er von Ehefrau Bettina (33), gebürtige Berlinerin, die sich nicht nur um die drei Jungs im Alter von zwei, vier und sieben Jahren kümmert, sondern auch um alle personellen Belange und das Marketing.


Robert Hagemann war 1990 mit den Eltern aus Niedersachsen nach Kuhsdorf gekommen, wo die Großeltern vor 1945 einen bäuerlichen Betrieb besaßen. Die Eltern betrieben nach der Rückkehr anfangs nur Ackerbau, spezialisierten sich aber nach der Ausbildung des Sohnes als Meister Landwirtschaft auf die Schweinehaltung. So wurden 1996 die ersten Mastschweine eingestallt.

 

Minister im Stall

Unlängst kam Politprominenz aus Potsdam zu Besuch. Brandenburgs Agrarminister Jörg Vogelsänger war auf Einladung des Kreisbauernverbands in der Prignitz unterwegs und besichtigte auch den Betrieb von Robert Hagemann. So stelle er sich ländliche Entwicklung vor, kommentierte Vogelsänger: „Moderne Stallungen bauen und dadurch Arbeitsplätze im ländlichen Raum schaffen.“

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