Bacchus mit im Bunde

24.10.2014

© Sabine Rübensaat

Weinbauverein Grano.

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Das reinste Mützenwetter noch wenige Tage zuvor. Immer wieder gingen kalte Schauer über Grano nieder und trieben den Organisatoren so manche Sorgenfalte auf die Stirn. Ein Weinfest im Regen? Bitte nicht! Doch dann, als ob die Stoßgebete in den grauen Septemberhimmel erhört worden waren, zog die Wolkenfront plötzlich ab. Wenige Stunden vor Beginn des Festes kam die Sonne heraus und tauchte den Weinberg in ein warmes, spätsommerliches Licht. Wenn da nicht Bacchus, der Weingott, seine Hände im Spiel hatte … So konnte Dietmar Heinze dann nahezu entspannt seine grüne Vereinsweste anlegen, den Strohhut aufsetzen und vor das auf Alt getrimmte Mikrofon treten. Der Vorsitzende des Gubener Weinbauvereins hieß Hunderte Besucher aus den Dörfern rundum und aus der Neißestadt im Südosten Brandenburgs willkommen. Unter ihnen viele rüstige Vorruheständler und Rentner, die mit dem Fahrrad gekommen waren. Denn das schon traditionelle Fest am letzten Septembersonnabend durfte man sich nicht entgehen lassen. Schon gar nicht bei solchem Kaiserwetter. Hinzu kam die verlockende Aussicht, neben Federweißem auch einen 2013er Jahrgang beispielsweise der Rebsorte Phoenix mit ihrer leichten Muskatnote zu verkosten und ein, zwei Flaschen mitzunehmen. Bereits als der hiesige Chor die selbst verfasste Hymne vom Granoer Rebensaft anstimmte, die Melodie dem Thüringer Rennsteiglied entlehnt, war Stimmung angesagt. „Wenn süß die Trauben reifen, wird das ein guter Wein. Man braucht nur zuzugreifen, gekostet will er sein …“

Doch vor den Erfolg haben Bacchus & Co. bekanntlich den Schweiß gesetzt. Ehe der Wein gelesen und gekeltert werden kann, sind viele Pflege- und Kontrollarbeiten nötig. „Sieben Mal pro Jahr muss der Winzer an jedem einzelnen Weinstock Hand anlegen, von den Mühen beim Keltern ganz zu schweigen.“ Darauf verwies Vorstandsmitglied Lothar Müller, der zu Rundgängen durch den Weinberg einlud (siehe Foto oben). Der Landwirt aus dem benachbarten Lauschütz hatte sich Ende 2003 mit einem halben Dutzend Gleichgesinnter zusammengetan, um den Weinanbau wiederzubeleben, der die Region rund um Guben prägte. Bereits im 16. und 17. Jahrhundert gab es hier rund tausend Weinberge, bis weit in das 18. Jahrhundert war die Winzerei eine der wichtigsten Einnahmequellen. Die Rebensäfte wurden in die verschiedensten Länder verschickt. Selbst der russische Zar Peter der Erste und das schwedische Königshaus wussten den Wein aus Guben zu schätzen. Doch die Blütezeit ging dann zwischen 1850 und 1870 zu Ende, so Müller. „Mit der Industrialisierung und dem Handel kamen Weine aus südlicheren Gefilden auf den Markt, außerdem entwickelte sich die Bierbrauerei. Nicht zuletzt sorgte die amerikanische Reblaus, von Frankreich eingeschleppt, für den Rückgang des hiesigen Weinanbaus.“ Diesem neues Leben einzuhauchen war eine rundum faszinierende Idee. Dennoch, gestand Lothar Müller, habe er sich so seine Gedanken gemacht und sicherheitshalber einen Bodenkundler konsultiert, den er noch von seinem Landwirtschaftsstudium an der Berliner Humboldt-Uni kannte. „Ich war erleichtert, als er versicherte: Wo 600 Jahre lang Wein angebaut wurde, wird das auch heute funktionieren!“

Risiken und Rückschläge sind allerdings nicht auszuschließen, auch wenn sich die Chancen durch den Klimawandel in jüngster Zeit verbessert haben. Die Temperaturen sind in den letzten 60 Jahren um durchschnittlich 2,5 Grad in der Region gestiegen. Selbst gelegentlich kalte Winter richten nicht mehr solche Schäden wie früher an, wo mitunter ganze Weinjahrgänge dem strengen Frost zum Opfer fielen. Wobei heute ohnehin von den Eisheiligen mehr Gefahren ausgehen; wie im diesjährigen Mai geschehen. Pankratius und seine Gefolgsleute sowie die Kalte Sophie hatten zugeschlagen und den Weinstöcken, die reichlich Ertrag versprechende Triebe ausgebildet hatten, einen Starremodus verpasst. Zum Glück haben sich diese schnell wieder erholt, berichtete Müller, ohne die Anlaufschwierigkeiten vor elf Jahren zu verschweigen.

Rebrechte waren ebenso einzuholen wie Weinstöcke aus der Pfalz, um dann auf dem bislang von Müller auf Pachtbasis bewirtschafteten hügeligen Ackerland mit bescheidenen 17 Bodenpunkten einen Weinberg anzulegen. „Das hieß beispielsweise, rund tausend Akazienpfähle zu setzen und 50 000 Meter Draht als Rankhilfe zu verlegen“, zählte Müller an Fakten auf. Beim sogenannten Aufreben war mühevolle Handarbeit, aber auch viel Wissen gefragt. Mit der Spezifik des Weinbaus hatten selbst die Landwirte unter den Vereinsmitgliedern vorher kaum zu tun gehabt. Sie suchten deshalb Kontakte zu sächsischen Winzern und Kellermeistern aus Süddeutschland, studierten Fachbücher und -veröffentlichungen. Das kostete viele Abendstunden, aber Motivation war reichlich vorhanden. Doch warum dann gleich fast ein Dutzend verschiedener Weiß- und Rotweinsorten auf der relativ kleinen Fläche von einem Hektar anbauen?

Wie Vereinsmitglied Karl-Heinz Schmolke einräumt, konnte selbst von den Fachleuten keiner so recht sagen, welche Sorte sich am besten für die Region eignet. „Deshalb haben wir eine größere Auswahl vorgenommen, um Ausfälle besser verschmerzen zu können.“ Die es dann – Glück der Tüchtigen – kaum gab. Lediglich der frostempfindliche Spätburgunder nahm zweimal Schaden. Ein entscheidender Grundsatz der Granoer Winzer lautet, so wenig Chemie wie möglich einzusetzen. Vielmehr achten sie darauf, die beim Lesen und Pressen der Reben anfallenden Reststoffe wieder als natürlichen Dünger einzusetzen. Das Credo: „Alles, was nicht in der Flasche landet, gehört wieder auf den Weinberg!“ Dennoch ist ein gezielter Mitteleinsatz gegen Mehltau unverzichtbar, versichert Schmolke. „Schon die Zisterziensermönche haben nachweislich ein Schwefel-Wasser-Gemisch gegen die Krankheit eingesetzt.“ Deshalb achtet der für Pflanzenschutz Zuständige darauf, dass im Frühjahr bei den ersten Anzeichen von Mehltau eine genau dosierte Spritzung erfolgt. „Schließlich wollen wir unseren Wein ja auch selber trinken.“

Das regelmäßige Einkürzen der Seitentriebe ist für die Granoer selbstverständlich. Genauso achten sie aber auch darauf, dass ausreichend Blattwerk zur Verfügung steht, um den Weinstock vor zu heftiger Sonneneinstrahlung zu schützen. Andererseits darf dieser aber nicht zu dicht mit Blättern behangen sein, damit die Trauben nach Regenfällen wieder schnell trocknen können. Deshalb sind die regelmäßigen Visiten des Weinbergs ein Muss für alle Vereinsmitglieder. Ab Ende August, wenn die Lese naht, werden mindestens zweimal pro Woche das in Oechsle angegebene Mostgewicht und der Säuregehalt gemessen. Letzterer nimmt von Tag zu Tag ab, während die Oechslegrade ansteigen. „Es kommt darauf an, den optimalen Zeitpunkt für die Lese abzupassen. Denn der entscheidet mit darüber, welche Qualität dann in den Fässern reift“, erklärt Wilfried Olzog, einer der Hauptinitiatoren des Vereins.

Wobei der 70-Jährige, bislang für das Keltern zuständig, sein Licht ein wenig unter den Scheffel stellt. Denn gerade die Künste des Kellermeisters sind gefragt, um an den feinen Stellschrauben beim Gären und Lagern des Weins drehen zu können. So muss regelmäßig die Temperatur der Gärung kontrolliert und bei Bedarf gekühlt werden, damit der Prozess nicht außer Kontrolle gerät. Sensorische Prüfungen sind nötig, um gegebenenfalls weitere Schritte beim Ausbau des in Edelstahltanks mehrere Monate ruhenden Weins einzuleiten. Ein spannender Moment dann, wenn der junge Wein verkostet wird? Olzog schüttelt den Kopf. „Spannend sind die Monate vorher. Wenn ich zur richtigen Zeit das Richtige mache, muss uns um die Qualität nicht bange sein.“ Und die stimmt, wofür nicht nur ein Eintrag des aus Grano stammenden Rieslings in den Berliner Weinführer spricht. Das diesjährige Fest war ein überzeugender Beleg dafür, wie begehrt der hiesige Rebensaft ist. Bei solch rührigem Weinbauverein kein Wunder, noch dazu, wenn Bacchus mit im Bunde ist.

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