Beim Praxis-Talk am Köllitscher Schafstall: Landesredakteur Karsten Bär, Prof. Sven Herzog, Dr. Regina Walther, Matthias Rau, Dr. Stefanie Kewitz und Matthias Schneider (v. l.). © Annelie Neumann

Praxis-Talk #08: Neue Ansätze beim Wolf gefragt

Um den Wolf und die Weidetierhaltung ging es beim Praxis-Talk #08 der Bauernzeitung im Lehr- und Versuchsgut Köllitsch. Guter Herdenschutz ist möglich, doch nicht nur Halter meinen, dass es damit nicht getan ist.

Von Karsten Bär

Wozu brauchen wir ihn eigentlich? Die Frage stellte ein Zuschauer, der den Praxis-Talk „Nachbar Wolf – wie kann das Zusammenleben gelingen?“ online verfolgte. „Wir als Weidetierhalter brauchen den Wolf nicht“, antwortete Dr. Regina Walther, Vorstandsmitglied des Sächsischen Schaf- und Ziegenzuchtverbandes (SSZV). Die Koexistenz mit dem Wolf zu gestalten, sei für die Schafhalter eine Frage des Müssens. Gesamtgesellschaftlich stellt sich das Meinungsbild allerdings anders dar. Und damit wird es kompliziert.

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Der Mensch brauche den Wolf nicht, das Ökosystem allerdings schon

Aus Sicht des Wildökologen Prof. Dr. Dr. Sven Herzog von der TU Dresden ist die Frage, ob wir den Wolf brauchen, vordergründig leicht zu beantworten: Der Mensch brauche ihn nicht. Und das ökologische System breche ohne den Wolf auch nicht zusammen. Allerdings, so der Experte, tragen wir Verantwortung für die Natur und für Wildtiere. Er wolle den Wolf ebenso wenig missen wie die Feldlerche. „Gleichzeitig haben wir aber Verantwortung für viele andere Arten, deren Lebensraum durch Beweidung entsteht “, betonte Herzog.

Man brauche ein gesundes Mittelmaß und dürfe sich nicht in Extremen verlieren. In seinem Impulsvortrag zu Beginn des Praxis-Talks, der erstmals auch als Präsenzveranstaltung im Rahmen des Tages der offenen Tür beim Lehr- und Versuchsgut Köllitsch stattfand, zeigte er auf, dass der deutsche Ansatz im Umgang mit dem Wolf gescheitert sei. Das „Abwarten und Zusehen“ führe zu Akzeptanzproblemen. Jäger und Tierhalter verhielten sich trotz angestauten Frustes sehr gesetzeskonform. Doch die Geduld dürfe nicht überstrapaziert werden. Herzog wies auch darauf hin, dass die forstpolitisch gewollte Reduzierung der Schalenwildbestände den Druck des Wolfes auf Weidetiere erhöhe.

E-Zaun bleibt erste Wahl

Knapp 60 bestätigte Übergriffe von Wölfen auf Nutztiere weise die Rissstatistik in Sachsen bis 31. Mai dieses Jahres auf, informierte Matthias Rau, der Leiter der sächsischen Fachstelle Wolf. Dies sei mit den Zahlen anderer Jahre vergleichbar – obwohl die Zahl der Wolfsterritorien steige. Nicht überall sei das Bewusstsein der Halter für die Gefahr groß genug. Besonders dort, wo der Wolf neu sei, passierten häufig Vorfälle. Nach wie vor stellten stromführende Zäune den sichersten Schutz dar. Auch Herdenschutzhunde seien wirksam. Gleichwohl räumte Rau ein, dass lange, schmale Weiden, die mitunter aufgrund der örtlichen Verhältnisse nicht zu vermeiden sind, Risiken bergen: Machen die Wölfe hier von außerhalb Druck, brechen die Herden mitunter aus.

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Schafe auf der Weide
Ein vorschriftsmäßig aufgebautes Weidenetz mit fünf horizontalen Litzen unter Strom. Zäune sollten auch bei Nichtnutzung elektrifi ziert sein. (c) Fritz Fleege

Herdenschutz mit Eseln

Zäune und Hunde sind für Matthias Schneider aufgrund des Aufwandes keine Option. Er hält in Nordsachsen direkt an der Elbe Mutterkühe – und setzt auf Esel als Herdenschutzmaßnahme. Die Tiere seien wachsam, eskortierten beispielsweise misstrauisch größere Hunde, die an den Zaun kommen. „Es ist sicher kein absoluter Schutz, aber es macht es dem Wolf etwas schwerer“, meint Schneider. Der Einwand, dass Esel nicht zu Rindern passen und die Futteransprüche nicht erfüllt werden, weist er zurück. Die Tiere seien gut in die Herde integriert, die relativ mageren Weiden würden eine Verfettung oder Hufprobleme der Esel vermeiden.

Wie funktioniert Herdenschutz mit Eseln bei Elbweiderind?

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Herdenschutz mit digitalen Hilfsmitteln

Einen Beitrag zu besserem Herdenschutz können digitale Hilfsmittel bieten. Eines davon wird derzeit vom Sächsischen Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie (LfULG) am Standort Köllitsch erprobt: Referentin Dr. Stefanie Kewitz stellte das Tierortungssystem „Heidi“ vor, das Standortdaten an den Halter sendet und perspektivisch auch ungewöhnliche Bewegungsmuster erkennen soll. Übergriffe verhindern könne das System nicht, bestätigte Stefanie Kewitz auf eine kritische Nachfrage aus dem Publikum. Aber es helfe, die Betreuung der Herde nach einem Vorfall zu verbessern, wenn sie ausgebrochen sei. Und nicht immer muss es ein Beutegreifer sein, der einen Herdenausbruch verursacht.

Unterschiedliche Erfahrungen gibt es bezüglich des Einsatzes von Herdenschutzhunden. Man trage hohe Verantwortung, solche Hunde gemeinsam mit der Herde zu halten, betonte Regina Walther. „Das erfordert Sachkunde!“ Gemeinsam mit dem Kompetenzzentrum Schaf und der Fachstelle Wolf, die beide zum Sächsischen LfULG gehören, habe der Schafzuchtverband daher in einem Pilotprojekt einen Sachkundelehrgang für die Haltung von Herdenschutzhunden entwickelt. Die Zusammenarbeit dieser drei Partner in Sachsen sei effektiv und anderswo nicht selbstverständlich, sagte Regina Walther.

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Für den Praxistest befestigen Dr. Stefanie Kewitz und Uwe Liebhold, Schäfer im Lehr- und Versuchsgut Köllitsch, das Bocksprunggeschirr mit dem Tracker an einem Schaf.
Für den Praxistest befestigen Dr. Stefanie Kewitz und Uwe Liebhold, Schäfer im Lehr- und Versuchsgut Köllitsch, das Bocksprunggeschirr mit dem Tracker an einem Schaf. (c) Karsten Bär

Praxis-Talk Wolf: Gesetze sind änderbar

Auch trotz Herdenschutzes kann es zu Rissen von Nutztieren kommen. Dass solche Vorfälle aus Frustration mitunter gar nicht mehr gemeldet werden, wurde in einer Zuschauermeinung artikuliert. Fachstellenleiter Rau sieht hier die Halter in der Pflicht: Gehandelt werden könne nur auf Grundlage offiziell erfasster Vorfälle. Eine Meinung, der sich auch Regina Walther anschloss. Zudem diene die Meldung von Wolfsübergriffen auch als Warnung an andere Halter der Region, achtsamer zu sein. Bleibt die Frage nach der Entnahme auffälliger Wölfe. Überwindet ein Wolf für den Halter zumutbaren Herdenschutz, könne ein solcher Schritt beantragt werden, so Rau. Gleichwohl lauern im Nachgang rechtliche Tücken, wie er einräumen musste. Für eine geregelte Bejagung sieht er indes aktuell keine gesetzliche Grundlage.

Dem wiederum widersprach Sven Herzog. Länder wie Schweden und Frankreich hätten mit dem Schutzstatus des Wolfes konforme Regelungen der Entnahme gefunden. Man dürfe bei der Bewertung des Erhaltungszustandes den Wolfsbestand eines Landes nicht mit der Population gleichsetzen. Die Wolfspopulation reiche im Prinzip von Westeuropa bis weit hinein nach Russland. Es sei eine Frage des Wollens, an den bestehenden rechtlichen Vorgaben etwas zu ändern. Der von der EU vorgegebene Rahmen sei dafür weit genug. Die Schäfer speziell in den östlichen Bundesländern könnten nicht abwarten, bis alle in Deutschland möglichen Territorien vom Wolf besiedelt wurden, pflichtete Regina Walther dem Wildökologen bei. Es müssten vorher Schritte zur Regulierung vorgenommen werden, ohne den Wolf damit ausrotten zu wollen.


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