Bereits in kleinen Dosen sollen Biostimulanzien die Stresstoleranz von Nutzpflanzen verbessern. (c) Sabine Rübensaat

Wertvolles Werkzeug für Landwirte der Zukunft

Der Praxis-Talk ist die neue digitale Veranstaltungsserie von Farm & Food, Landakademie und Bauernzeitung. Thema diesmal: Biostimulanzien und ihre Wirkungen auf Pflanze und Boden.

Von Josefin Lehmann und Erik Pilgermann

Biostimulanzien erobern den Markt und finden den Weg in den Werkzeugkasten der Landwirte. Die neuen Betriebsmittel sollen die Nährstoffaufnahme und Qualität der Nutzpflanzen verbessern und die Erträge sowie Toleranz gegen abiotischen Stress erhöhen. – Dabei handelt es sich bei ihnen weder um Pflanzenschutzmittel noch um Düngemittel.

Doch was genau sind Biostimulanzien und ist ihre Wirkung wissenschaftlich bestätigt? Lassen sich Dünge- und Pflanzenschutzmittel in Zeiten immer stärkerer Regularien einsparen und robuste und ertragreiche Pflanzenbestände kultivieren? Diese und weitere Fragen diskutierten wir am 16. Juni live mit unseren Gästen. Mit dem Praxis-Talk wollen wir gemeinsam Wissen vermitteln, das für Innovationen und die Zukunft der Landwirtschaft wichtig ist.

Fülle an Substanzen und Angeboten

Das Wort Biostimulanzien wird derzeit gern verwendet. Dabei steht es nicht für einen Wirkstoff, sondern für ein breites Spektrum an Substanzen. Viele davon sind auch gar nicht neu am Markt – bisher nannte man sie Pflanzenstärkungsmittel. Bereits in geringen Dosen können sie zur verbesserten Nährstoffausnutzung, Stresstoleranz und Produktqualität von Kulturpflanzen beitragen. Eine direkte Pflanzenschutzwirkung ist aber ausgenommen.


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Eine Frage der Definition

Was aber ist der Unterschied zwischen Pflanzenstärkungsmitteln und Biostimulanzien? Beide Produktklassen werden ja gegen abiotische Stressfaktoren eingesetzt.

Zu den Biostimulanzien zählen pflanzenwachstumsstimulierende Mikroorganismen und natürliche bioaktive Substanzen ohne signifikanten Nährstoffgehalt. Das sind zum Teil sehr komplexe Produkte, die auf Pflanzen-, Algen- oder Kompostextrakten basieren. Weiterhin gibt es Produktgruppen wie Huminstoffe, Aminosäuren und Peptide. Diese machen bisher den größten Marktanteil aus. Außerdem gibt es den noch kleineren Bereich der Mikroorganismenpräparate, also der lebenden Organismen. Die Fülle an Substanzen und Angeboten ist eine Hürde für Neueinsteiger. Es braucht Zeit und gute Beratung, um die optimale Substanz für den eigenen Betrieb zu finden.

Prof. Dr. Günter Neumann von der Uni Hohenheim dazu: „Wir haben eigentlich einen breiten Werkzeugkasten mit unterschiedlichen Produkten, wo viele Wege nach Rom führen und die man unter verschiedenen Bedingungen einsetzen kann. Das Einzige, was uns eben häufig noch fehlt, sind die geeigneten Bedienungsanleitungen.“

Jan Ritter, SeedForward: „Ich hoffe, dass das in Zukunft noch besser definiert wird. Das wäre ja schon mal ein Anfang, diesen großen Begriff ein bisschen besser zu definieren und vielleicht aufzuspalten in verschiedene Produktgruppen.“

(c) Josefin Lehmann

In einem engen Wirkungsfenster

Die Wirksamkeit von Biostimulanzien ist in Studien unter kontrollierten Bedingungen hinreichend belegt. In Feldversuchen sind Wachstums- und Ertragszuwächse aber schwer nachzuweisen. Trotzdem berichten Landwirte von großen Erfolgen mit den Produkten. Dies liegt in der Natur der Wirkungsweise von Biostimulanzien.

Sie wirken nicht unter allen Bedingungen gleich effizient und haben häufig ein enges Wirksamkeitsfenster. Biostimulanzien wirken als „Stress-Primer“. Ist abiotischer Stress zu erwarten, können sie gezielt eingesetzt werden. Der Wirkmechanismus der Biostimulanzien ist im Prinzip nämlich gleich. Jeder Stressfaktor führt über kurz oder lang zur selben Stressantwort in Pflanzen: dem oxidativen Stress. Dieser führt durch Zellschädigungen zur Aktivierung der pflanzlichen Signalwege, welche die Stressanpassung anregen. Biostimulanzien enthalten Signalsubstanzen, welche die Stressanpassungen ebenso aktivieren können, schon bevor Stress eintritt.

Um Biostimulanzien erfolgreich anzuwenden, ist großes Wissen um die Wirkungsmechanismen nötig, damit die Anwendung optimal auf die Bedürfnisse des eigenen Betriebes abgestimmt ist. Wir haben gelernt, dass die Anwendung von Biostimulanzien komplex ist. Leider finden sich Biostimulanzien in der Ausbildung und dem Studium der Landwirtschaft nicht ausreichend wieder. Landwirte sind dementsprechend oft kritisch eingestellt. Auch die Interaktionssysteme zwischen Biostimulanzien, Boden, Pflanze und Umwelt sind noch zu wenig verstanden.

Biostimulanzien: Es fehlt definitiv an Wissen

Was kann man also tun, wenn man einsteigen möchte? Normalerweise wären die Berater der Kammern für Informationen zuständig, aber auch hier fehlt es oft an Wissen. Im Talk rief Landwirt Phillip Krainbring dazu auf, mit den Herstellern zu sprechen und deren Expertise zu vertrauen, denn sie haben Erfahrung mit der Wirkung ihrer Produkte unter unterschiedlichen Bedingungen.

Berthold Stern von der Humintech GmbH ergänzte: „Die EU hat in den letzten 20 Jahren immer mehr Präparate aus dem Verkehr gezogen und letztendlich ist es auch die Aufgabe der Anbieter, sich Alternativen auszudenken. Im Zweifelsfall würde ich also raten, den direkten Kontakt zu suchen zu dem jeweiligen Anbieter und konkret auch die Probleme zu besprechen, die bewältigt werden sollen.“

Dr. Ulf Feuerstein von der Deutschen Saatveredlung AG fasste es wie folgt zusammen: „Wir müssen, wenn wir Produkte anbieten, erklären, warum wir welche Biostimulanzien eingebaut haben und wie diese wirken. Was ist letztendlich der Vorteil für den Landwirt?“

Dank Biostimulanzien den Regularien voraus

Angesichts ungünstiger Klimabedingungen und Wetterextreme in der Zukunft ist es sinnvoll, Biostimulanzien zur Hand zu haben. Sie verbinden Wachstums- und Ertragszuwächse von Nutzpflanzen mit einer größeren Nachhaltigkeit. Dies ist vorteilhaft, da weniger Ressourcen eingesetzt werden müssen (Biostimulanzien wirken in geringen Dosen).

Zudem sind Biostimulanzien weder Pflanzenschutz- noch Düngemittel. Auch in Zeiten, in denen Landwirte durch neue Regularien immer weniger Wirkstoffe zur Verfügung stehen, dürfen sie eingesetzt werden. Die EU-Düngeprodukteverordnung schafft für sie sogar die Kategorie der „Biologicals“ und erleichtert den Handel innerhalb der EU. Mit Biostimulanzien kann man also nicht nur Klimawandel und abiotischem Stress, sondern auch „politischem Stress“ entgegnen. Man kann vor die Welle kommen, indem man Pflanzenschutz- und Düngemittel spart.

Dr. Horst Ninnemann, Novihum Technologies dazu: „Wir sehen mehr als nur Ertragsgrößen. Wir sehen zum Beispiel die Reduktion des Einsatzes von Düngemitteln. Wir kennen Beispiele, wo der Landwirt, die Landwirtin den Einsatz von Düngemitteln in einer Saison um zehn Prozent reduzieren konnte. Das kann man in Euro und Cent umrechnen.“

Zurzeit ist der Bereich Biostimulanzien in jedem EU-Mitgliedsstaat unterschiedlich reguliert. Sobald die Düngeprodukte-VO greifen würde, würde harmonisiert. Die Standardisierungsmethoden der Qualitätskontrolle für die Registrierungen für Mikroorganismen werden zur Zeit im DIN und im europäischen Standardisierungsausschuss CEN erarbeitet. Nach Ringtests in der EU werden diese Methoden in Normen überführt und können für die Konformitätsanerkennung verwendet werden. Das wird aber nicht vor 2023 der Fall sein.

Hilfsmittel jenseits von öko und konventionell

Bei der Verwendung von Biostimulanzien stellt sich die Frage, ob diese bessere Effekte bei konventionellen oder ökologischen Betrieben zeigen. Es gibt dazu unterschiedliche Erfahrungswerte.

Zielführender ist die Frage, mit welchen Problemen man konfrontiert ist und welche Möglichkeiten der Werkzeugkasten der Biostimulanzien bietet. Auch wenn die Grenzen zwischen ökologischer und konventioneller Landwirtschaft zunehmend verschwimmen werden, ist der konventionelle Landbau früher gezwungen, sich mit Biostimulanzien auseinanderzusetzen. Schon deswegen, weil immer mehr Betriebsmittel nicht mehr zugelassen sind. Grundsätzlich bieten Biostimulanzien Potenzial für beide Bereiche. Wichtig ist, die eigenen Herausforderungen zu definieren und das richtige Produkt für den eigenen Betrieb zu finden.

Felix Faistlinger, Yara, schätzt es folgendermaßen ein: „Die Bereiche ökologischer und konventioneller Landbau werden in der Zukunft immer mehr verschwimmen und darin geht die Thematik Biostimulanzien genau auf. Es ist ein weiteres Hilfsmittel für beide Bereiche, um die Nährstoffeffizienz zu erhöhen und abiotischem Stress entgegenzusteuern.“


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