Messungen beim Einsatz gleich motorisierter Traktoren mit unterschiedlichen Fahrwerken sollen die Vor- und Nachteile herausarbeiten. (c) Ludwig Volk

Rad oder Raupe: Jenseits von Mythos und Marketing

Erfahrungen und Emotionen bestimmen die Meinungen zu den Fahrwerkskonzepten Rad und Raupe. Eine Umfrage unter Wissenschaftlern hatte das Ziel dazu sachliche Argumente zusammenzutragen.

Von Wolfgang Rudolph, Bad Lausick

Bei der Bewertung von Traktoren und selbstfahrenden Arbeitsmaschinen geht es um Leistung, Spritverbrauch und Traktion. Mit zunehmenden Maschinengewichten gewinnt aber auch der Faktor Bodenschonung an Bedeutung. Eine Schlüsselrolle spielt hier das Fahrwerkskonzept. Die Diskussion dreht sich dabei nicht selten um die Frage: Rad oder Raupe?

Praktiker beantworten diese aus der Perspektive ihrer konkreten Anbaubedingungen. Die Marketingstrategen von Landmaschinenherstellern haben wirtschaftliche Interessen im Blick. In der öffentlichen Wahrnehmung ist daher ein Trend pro Raupe nicht verwunderlich. Schließlich setzen Landwirte diesen Fahrwerkstyp zuallererst dort ein, wo Gleisbänder ihre Stärken voll zur Geltung bringen können – etwa beim Ziehen von Geräten mit großen Arbeitsbreiten oder auf weichen Böden.

Doch bieten Gummiraupen wirklich die universelle Lösung in Sachen Effizienz und Bodenschonung? Ist das Rad vielleicht doch besser als sein Ruf? Wo liegen die Entwicklungspotenziale? Wir befragten dazu Wissenschaftler, von denen man trotz Forschungskooperationen mit der Landtechnikindustrie Neutralität erwarten kann. Nachfolgend die Ergebnisse der Gespräche mit:
■ Prof. Dr. Ludger Frerichs, Technische Universität Braunschweig, Leiter des Instituts für mobile Maschinen und Nutzfahrzeuge;
■ Prof. Dr.-Ing. habil. Thomas Herlitzius, Technische Universität Dresden, Lehrstuhlleiter der Professur für Agrarsystemtechnik;
■ Prof. Dr.-Ing. Hubert Korte, Hochschule Osnabrück, Leitung Fachbereich Landtechnik der Fakultät Agrarwissenschaften und Landschaftsarchitektur;
■ Dr. Thomas Anken, Agroscope Tänikon, Ettenhausen, Gruppenleiter im Schweizerischen Eidgenössischen Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung;
■ Dipl. Ing. FH Roger Stirnimann, Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften HAFL Zollikofen, Dozent;
■ Prof. Dr. agr. Thomas Rademacher, Technische Hochschule Bingen, Professor für Landtechnik.

Gleisbänder

Vorteile: Wichtigstes Pro-Argument ist die Bodenschonung, insbesondere bei schweren Maschinen auf empfindlichen Böden. Dies setzt jedoch eine hohe Bandspannung voraus, um den tragenden Effekt des Bandes zwischen den Stützrollen zu nutzen und erfordert möglichst viele Laufrollen. Der Druck verteilt sich nicht gleichmäßig über die Aufstandsfläche des Bandes, unter den Laufrollen entstehen Lastspitzen. Aber: Jede zusätzliche Rolle mindert den Innenwirkungsgrad und erhöht die Kosten.

Eine bessere Traktion durch Verzahnung mit dem Boden (Formschluss) ermöglicht bei gleichem Kontaktflächendruck höhere Zugkraft und damit höhere Flächenleistung. Dieser Effekt lässt nach, wenn sich wegen der schlechteren Selbstreinigung der Bänder bei bestimmten Bodenverhältnissen die Stollenzwischenräume zusetzen (Flotation). Je länger das Band, desto größer ist die mögliche Einbuße an Formschluss. Andererseits verbessert sich durch das Ausfüllen der Stollenzwischenräume die Druckverteilung. Aber: Gefahr von Traktionsverlusten (siehe Nachteile) .

So wollen Wissenschaftler Fahrwerke verbessern

Ziele bei der Forschung sind vor allem:

  • Minimierung der Bodenverdichtung, Verlängerung der Befahrbarkeit des Ackers, ohne Bodenschäden zu verursachen, und effiziente Kraftübertragung auf den Boden (Traktionsoptimierung)
  • Forschungsprojekte (Auswahl): Assistenzsysteme für Traktoren zur Traktionsoptimierung durch Änderung des Reifenluftdrucks, der Allradzuschaltung u. ä. bei unterschiedlicher Beanspruchung der Räder (TU Braunschweig, TU Dresden)
  • Online-Sensoren zur Messung dynamischer Kräfte an der Traktorachse (TU Braunschweig) bzw. an der Felge (TU Dresden) als Datengeber für Assistenzsysteme. Dynamische Radlasten schwanken um bis zu 30 %. Ein Lastsensor böte die Möglichkeit, in Echtzeit zwischen Produktivität und Bodenverdichtung abzuwägen
  • Untersuchungen zur Interaktion zwischen Boden und Maschinen, z.  B. tatsächliche Aufstandsfl äche verschiedener Reifentypen in Abhängigkeit von Luftdruck und Radmaßen (TU Dresden)
  • Antriebsachsen für Anhänger mit Rädern (TU Braunschweig/elektrisch, TU Dresden/hydraulisch) bzw. elektrisch/hydrostatische Antriebe für Bänder (HS Osnabrück, „smart traction“). Dadurch benötigt der Traktor weniger Zugkraft und muss nicht zusätzlich ballastiert werden.
  • Erweiterung der Simulationsmodelle für die Berechnung des Bodenverdichtungsrisikos beim Einsatz von landwirtschaftlichen Fahrzeugen (z. B. www.terranimo.world) für die Berechnung des Bodenverdichtungsrisikos beim Einsatz von
  • landwirtschaftlichen Fahrzeugen (Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften, HAFL, Zollikofen) bzw. der Ertragsdepression durch Kontaktfl ächendruck in Korrelation zu Bodentyp und Bodenfeuchte (TU Dresden/ Datenbank Dr. Hartmut Döll)
  • Untersuchung der Auswirkungen von Mehrfachüberfahrten auf die Bodenverdichtung (HAFL Zollikofen)
  • Verbindung von Bodenbearbeitung mit Traktionsarbeit durch die Nutzung rotierender Werkzeuge (Walzen, Fräsen, Scheiben) für den Antrieb von kleineren Robotermodulen auf dem Acker (TU Dresden, Projekt Feldschwarm)
  • Beratungsplattform zur Optimierung von Bearbeitungszeiten und Befahrung verschiedener Böden in Abhängigkeit verschiedenster Rahmenbedingungen im Projekt Experimentierfeld Südwest (TH Bingen)


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Lesen Sie die Reportage in voller Länge in der Ausgabe 02 der Bauernzeitung.

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