Kommentar zum Heft 07/2016

18.02.2016

Anja Nährig, Redakteurin

© Sabine Rübensaat

Schöne Ökowelt – doch anders als gedacht?

Liebe Leserinnen und Leser,

nun sind auch die Bioschweinehalter dran – Bilder von Sauen in Schutzkörben, toten Ferkeln und Blutlachen flimmern aus den Fernsehgeräten. Ende Januar drangen solche Aufnahmen aus den Herrmannsdorfer Landwerkstätten in die mediale Öffentlichkeit. Am Beispiel des Biobetriebes der Familie Schweisfurth sollte bewiesen werden, dass auch im Ökolandbau nicht tiergerecht erzeugt wird. Der selbst ernannte Tierschützer und Veganer Friedrich Mülln verkaufte diese „Qualstorie“ an ARD & Co. und scheint dort gern gesehener „Lieferant“ zu sein. Dafür steigt er schon mal nachts in Ställe und Landwirtschaftsunternehmen ein, was von den Abnehmern des Filmmaterials offenbar ohne Bedenken geduldet wird. Aber augenscheinlich soll „Tiere zu quälen“ kein Privileg der konventionellen Landwirtschaft bleiben. Dass solch illegales Vorgehen absolut kontraproduktiv für das Image aller Schweinehalter ist, ist offensichtlich. Doch mangelt es nun an Tierschutz in der schönen Ökowelt – wie sie so gern in den (Bio-)Supermärkten beworben und medial glorifiziert wird –, oder geht es hier einfach nur um die produktionsbedingte Wirklichkeit?

Wer sich ehrlich und unvoreingenommen dieser Frage stellt, wird entdecken, dass die Unterschiede zwischen der ökologischen und konventionellen Schweineproduktion gar nicht sehr groß sind. Tiere werden eben nicht durch Ideale und bäuerliche Romantik satt. Auch im ökologischen Landbau entstehen Kosten und müssen Erlöse erzielt werden. Der kleine Bioschweinemarkt ist extrem volatil, und ein geringer Überhang lässt die Erzeugerpreise rasant sinken bzw. ein Angebotsloch genauso schnell steigen (Seiten 36 bis 37). Hoch scheint das unternehmerische Risiko. Dem Trend folgend, will auch der „Öko-Konsument“ kein überquellendes Fett an seinem Schnitzel: Mehr Magerfleischanteil bringt dem Mäster mehr Gewinn. Also greifen die Biobauern oft auf konventionelle Genetik zurück  (Seiten 38 bis 39), was zur Folge hat, dass die Ferkelzahlen steigen, die Würfe ­heterogener werden und am Ende Ferkel auf der Strecke bleiben. Das alles bei freiem Abferkeln – die Verluste klettern auf 20 % und mehr. Nicht zu verschweigen der hohe Gesundheitsstatus, welchen auch Biobetriebe anstreben wollen und müssen. Die nur „einmalige Behandlung“  (Seiten 40 bis 41) mit Medikamenten aus der Schulmedizin kann Bioschweinehalter vor beachtliche Gewissenskonflikte stellen. Wer seine Tiere öfter behandelt, darf sie nicht mehr als Ökoschweine vermarkten. Er spielt also mit seiner Existenz. Wer sie nicht behandelt, kommt mit dem Tierschutzgesetz in Konflikt. Und wer es nicht meldet …?

Was bleibt, ist die Ahnung von einer Grauzone, über die niemand reden will. Gerade die Bioverbände tun sich schwer, aufrichtig und offen tatsächliche Zustände und Probleme der ökologischen Tierhaltung anzusprechen. Das Bild der heilen Ökowelt darf beim Verbraucher und im Marketing keinen Schaden nehmen. Der „Bio-Mehrwert“ droht sonst schnell zu schrumpfen. Doch ist das fair? Fair gegenüber den konventionellen Berufskollegen, die damit als Sündenböcke herhalten müssen? Die Praktiker der Biobranche diskutieren schon heute die Herausforderungen, die auch sie zukünftig erwarten. Sei es der Wegfall der betäubungslosen Kastration ab 2019 oder der befristete Einsatz konventionell erzeugter Futtermittel bis Ende 2017. Noch bevor das
verklärte Bild der Biohaltung ebenfalls zerreißt, wäre eine gemeinsame Vorgehensweise der ökologischen und konventionellen Berufsgruppen mit all ihrem Wissen und ihren Erfahrungen wünschenswert –
mal ganz ehrlich.

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