„Wir haben es satt!“-Demo

19.01.2016

© Sabine Rübensaat

Tragendes Veranstaltungsmotto war der Protest gegen eine wie auch immer gefinierte „Agrarindustrie“.

Berlin. Am vergangenen Samstag (16. Januar) war im Umfeld der Grünen Woche wieder Aktionstag. Die Veranstaltung mit dem oben genannten Negativ-Slogan war allerdings geringer besucht als in den Vorjahren. Der Veranstalter gab 23 000 Teilnehmer zu Protokoll, wo vor zwei Jahren noch 30.000, beim vorigen Mal sogar 50.000 Aktivisten dagewesen sein sollen. Die realen Zahlen laut Polizeistatistik lagen ohnehin niedriger: Am Sonnabend demonstrierten12.000 bis 14.000 Menschen (2015: 20 000 bis 25 000). Über die Gründe für diese Entwicklung gibt es derzeit keine offiziellen Angaben, die Aktualität anderer Themen oder auch die Heterogenität des Demonstrationsbündnisses könnten jedoch eine Rolle spielen.   

 

Im Detail stimmten die Demonstranten vor allem gegen viele Dinge: Gegen Hunger, Massentierhaltung und Tierfabriken, Tierquälerei, Agrarindustrie, Nahrungsexport, Gentechnik, Monokulturen, Patente auf Leben, Agrarpreisdumping, Landgrabbing, Bauernhofsterben, Nitrat im Grundwasser und Pestizide im Essen, gegen Freihandel, den Kapitalismus im Allgemeinen und die Ausbeutung im Besonderen, gegen „das System“ und die „Lügen der Agrarkonzerne“. Aber auch Ziele wurden laut: Man trete ein für „gute Landwirtschaft“, „Ernährungssouveränität“, bäuerliche Landwirtschaft, für eine Beendigung der zu Flüchtlingsströmen führenden kriegerischen Auseinandersetzungen, für Ökolandbau und dessen stärkere Förderung. Die Nobelköchin Sarah Wiener, die vom Podium aus alle Teilnehmer mit „Kinder“ anredete, forderte wortreich „Vielfalt“ in Produktion und Ernährung; Hubert Weiger, Vorsitzender des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), polterte gegen das geplante Freihandelsabkommen mit den USA und Thomas Schröder, Chef des Tierschutzbundes, hatte es „satt wie es zugeht in diesem Land in Sachen Tier- und Umweltschutz“. Wofür die Gruppe mit der Sowjetfahne eintrat, war für die Bauernzeitung nicht zu erkennen.

 

Wesentlich bemerkenswerter war der Auftritt von Sabine Töpfer-Kataw, Staatssekretärin in der Berliner Senatsverwaltung für Justiz und Verbraucherschutz. Mit ihr gab immerhin eine Staatsbeamtin zu Protokoll, Lebemsmittel seien zu billig und sie sehe Alternativen zum jetzigen Agrarproduktionssystem. Wie man das zum Guten ändern kann, darüber sollten die Demonstranten frei von Ideologie und Vorurteilen diskutieren, so Töpfer-Kataw, die jüngst auch auf einem Sternmarsch gegen neue Braunkohle-Tagebaue in Brandenburg gesprochen hat.

 

Bei alledem hat der mit einer gemeinsamen Pressekonferenz der Organisatoren dieser und der Gegendemo (BauernZeitung Ausgabe 3, Seite 19) am zurückliegenden Montag begonnene Dialog offenbar doch schon ein paar Früchte getragen. Die Moderatorin der Satthabe-Demo sagte bei der Einstimmung der Demonstranten am Potsdamer Platz deutlich, dass nicht nur „Hassprediger und braune Soße“, sondern auch „antiamerikanische und Bauern diffamierende Stimmen“ auf der Demo nichts verloren hätten.

 

Nicht zu übersehen und nicht zu überhören war die landwirtschaftliche Beteiligung: Rund 130 Traktoren und LKW gaben der Aktion den Anschein einer Bauerndemo mit Bevölkerungsunterstützung. Doch obwohl viele Familienbetriebe oder auch die Güter Schmerwitz, Temmen, Friedenfelde und Blankenfelde dabei offen ihre Fahnen zeigten, waren die Landwirte bei der Demo sichtbar in der Minderzahl. Außer der „Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft“ und einigen Ökolandbauverbänden bekannten sich keine größeren Agrarorganisationen zu der Demo.

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